Lilja 4-Ever

Schweden, 109min
R:Lukas Moodysson
B:Lukas Moodysson
D:Oksana Akinshina,
Artyom Bogucharsky,
Lyubov Agapova,
Liliya Shinkaryova,
Pavel Ponomaryov
L:IMDb
„Ich habe keine Kraft mehr. Ich will einfach nur schlafen”
Inhalt
Ein trister Vorort irgendwo in der ehemaligen Sowjetunion. Der Traum der 16jährigen Lilja von einem besseren Leben in Amerika zerplatzt jäh. Die Mutter begleitet ihren neuen Freund allein in die USA – und überlässt Lilja sich selbst. Ihr bleibt nur das vage Versprechen, dass die Mutter sie irgendwann nachholt. Lilja versucht zunächst, ihr altes Leben aufrecht zu erhalten. Sie geht zur Schule, trifft Freunde und sie wartet auf Post aus Amerika – vergeblich. Ohne Geld und ohne richtige Unterkunft – die Wohnung ist längst von einer alten Tante beschlagnahmt - findet sich Lilja schon bald in einer ausweglosen Situation wieder. Ihr einziger Freund bleibt der 11jährige Volodya. Um an Bargeld zu kommen, ist Lilja gezwungen, sich gelegentlich zu prostituieren. Doch dann trifft Lilja Andrei, der in ihr neue Hoffnung weckt. Er will sie mit nach Schweden nehmen und ihr dort einen Job besorgen. Volodya ist eifersüchtig und skeptisch – aber Lilja packt ihre Sachen. Nun ist sie es, die ihren Freund zurücklassen muss. Und plötzlich sitzt sie im Flugzeug nach Schweden, ohne zu wissen, was passieren wird.
Kurzkommentar
Der schwedische Regie-„Shooting Star“ und Jugendthemen-Spezialist Lukas Moodyssons („Fucking Amal“) versucht sich mit „Lilja 4-ever“ an einem kraftvollen, aufwühlenden Stück Gegenwartskino, kann seinen (hohen) Zielen aber letztendlich nicht gerecht werden. Denn trotz talentierter Darsteller und starker Ausgangssituation gelingt ihm eine lediglich solide Bebilderung einer fraglos wichtigen und immer noch sehr aktuellen Thematik.
Kritik
„Lilja 4-ever“ ist einer jener Filme, die von vielen Zuschauern (und Kritikern) bereits durch ihre schiere thematische Brutalität als überzeugend eingestuft werden. Es wird das konsequente Scheitern einer Existenz verfolgt, die Aussichtslosigkeit eines glücklichen Lebens, es geht um Prostitution, Vergewaltigung, Frauenhandel. Der schwedische „Shooting Star“ Lukas Moodysson wählt gezielt existenzielle, aus dem „wahren Leben“ gegriffene Themen und will sie in ihrer schonungslosen Härte widergeben; damit vermutlich auf die miserablen Zustände in dieser Welt aufmerksam machen, aufrütteln, bewegen, das (Film-)Erlebnis unvergesslich machen. Bereits für diese Intention erntet es häufig Attribute wie „Überwältigend“, „Unvergesslich“ oder „ein Mordsding von einem Film“ (Rolling Stone-Magazine). Dazu gesellen sich dann nicht selten etliche Filmpreise. Erinnern wir uns an Tim Roths „War Zone“, an „Rosetta“ von den Gebrüdern Dardenne, an Vanessa Jopps „Vergiss Amerika“ oder zuletzt an Aronofskys „Requiem for a Dream“. Hier hagelt es oftmals Lobpreisungen ohne die eigentliche Machart des Films in Frage zu stellen, spricht man von „Meisterwerken“ aus dem alleinigen, leider allzu unreflektierten Grund, dass „schonungsloser Realismus“ verfolgt wird. Zweifelsohne gibt es exzellente Vertreter dieses Subgenres, häufig wird aber die Wichtigkeit der Thematik mit der Qualität des Films verwechselt.

Moodyssons „Lilja 4-ever“ ist nun ein weiterer ambitionierter Versuch, die Schrecken der Welt in einen Film zu packen. Dazu lässt er seine Hauptfigur so ziemlich alle Desillusionierungen durchmachen, die ein Mensch sich nur vorstellen kann: von Mutter und Tante sitzen gelassen, von der Schulfreundin verraten, vom Freund verkauft. Hinzu kommen soziales Elend, finanzielle Not, Prostitution, Menschenhandel. Eingefangen und begleitet wird das alles von Handkamera, spärlichem Licht, House-Musik und Rammstein; Mittel, die zwar eindeutig das Wohlwollen von Moodysson charakterisieren, aber nicht wirklich subtil wirken. So darf Lilja gleich zu Beginn in einer hysterischen Sequenz ihrer Mutter hinterherlaufen, um ihr Leben schreien und schließlich in Zeitlupe in den Schlamm fallen. Diese Reaktion ist für einen Charakter in dieser Situation zweifelsohne verständlich, aber zu einem solch frühen Zeitpunkt hat der Zuschauer noch keine ausreichende emotionale Bindung zu ihr, um eine derart pathetisch-klischeehafte Inszenierung akzeptieren zu können. Und dieses sicherlich gut gemeinte, aber ab und an allzu selbstverliebte Handwerk begleitet fortlaufend den Film, wie etwa schnelle Zooms, die zuviel Aufmerksamkeit erwecken oder harte Musikschnitte, die inhaltlich zu wenig motiviert sind.

Aber es ist nicht das Handwerk, das es der Ausgangssituation unmöglich macht, ihr volles Potenzial zu entfalten. Moodysson begnügt sich insgesamt zu sehr damit, den Abstieg Liljas lediglich zu bebildern, anstatt in inhaltlich wirklich zu durchdringen. Er folgt brav der üblichen Dramaturgie, stellt auf kompetente Weise die Verrohung der Umwelt Liljas Träumen und dem sensiblen, herzlichen Verhältnis zwischen ihr und Volodya gegenüber, traut sich aber lediglich in einer Sequenz die Gefühlswelt seiner Protagonistin über bloßes Abfilmen hinaus zu diskutieren. Ganz am Ende, wenn Lilja sich bereits für die Erlösung durch den Tod entschieden hat, vermag Moodysson zum ersten und einzigen Mal die Barriere des zwanghaften Realismus zu überspringen und seiner Thematik eigentlich gerecht zu werden. In einer Art alternativen Realität sieht man Lilja wie sie sich mit Volodja versöhnt, wie sie der unfreundlichen Hausdame mit ihren Kartoffeln hilft, wie sie – trotz der selben Lebensumstände – ein zufriedenes Leben lebt. Erst mit dieser Darstellung wird dem Zuschauer auf kraftvolle Weise deutlich gemacht, was Lilja eigentlich alles durchmachen musste, was sie anstelle einer glücklichen Kindheit erlebt hat und worin eigentlich die Grausamkeit der Welt besteht. Auf solche Szenen hätte Moodysson sich wesentlich mehr konzentrieren müssen, stattdessen wählt er den (dramaturgisch) leichteren Weg und will den Zuschauer mit den üblichen (Film-)Klischees aufrütteln. Das gelingt nicht, und dennoch muss an dieser Stelle ganz deutlich gemacht werden: Moodyssons Ambitionen sind engagierter und sympathischer als die der meisten anderen Regiearbeiten des bisherigen Jahres.

Durchaus ambitionierter, in seinen Mitteln jedoch wenig subtiler Versuch, über die schiere Kraft seines Themas hinaus Aufmerksamkeit zu erwecken


Thomas Schlömer