Irréversible

Frankreich 2002, 99min
R:Caspar Noé
B:Gaspar Noé
D:Monica Bellucci,
Vincent Cassel,
Albert Dupontel,
Jo Prestia
L:IMDb
„Rache ist ein menschliches Recht”
Inhalt
Alex (Monica Bellucci) verlässt verärgert über ihren Freund Marcus (Vincent Cassel) eine Party. Durch einen schrecklichen Zufallen wird sie Minuten später Opfer einer verstümmelnden Vergewaltigung. Marcus ist außer sich, meint den Täter schließlich in der Szene der Pariser Schwulenclubs zu finden.
Kurzkommentar
Einmal mehr macht das französische Kino seinem Eklatcharakter alle Ehre. „Irréversible“ soll Zuschauer schon besinnungslos gemacht haben und in der Jagd nach schamverletzender Grenzauslotung setzt er zweifellos neue Maßstäbe. Außer einem ekelerregenden Effekt zweier ultrabrutaler Filmszenen bleibt von dem rückwärts erzählten Alptraum einer Vergewaltigung und ihrer furchtbaren Rache allerdings wenig. Formal sehenswert ist „Irréversible“ als herausfordernder Kunstversuch.
Kritik
In Frankreich scheint es jüngst doch immer das Gleiche, man fürchtet sich vor dem Nicht-Spektakulären, tritt da doch lieber die Scham mit Füßen. So braucht das Kino seinen Skandal und in Cannes ist die Empörung, das entsetzte Verlassen des Kinos, ja Ohnmacht, Teil des Marketingprogramms. Erst hieß es „Fick mich“, dann wurde „Intimacy“ unter Pornographieverdacht gestellt, nun schockte „Irréversible“ im letzten Jahr. Das PR-wirksame Prinzip variiert dabei nur minimal: der Begriff „Kunst“, mehr lärmende Provokation als Inhalt, wird zur Disposition gestellt. Bis zur welcher Hemmschwelle darf der Filmemacher gehen, welchen Grad an obszönem „Realismus“ darf er abbilden? Keine Frage, mit „Irréversible“ ist ein neuer Superlativ an brutaler und schonungsloser Gewalt angestrebt, das Letzte sozusagen. So ist „Kunst“, was keinen kalt lässt.

Dass sich die Kritik über diese Ultrabrutalität zu entrüsten hat, ist nur ein weiterer Faktor im Werbekonzept. Vielleicht ist das auch notwendig, denn der Film des in Frankreich lebenden Argentiniers Gaspar Noé wäre ohne die beiden berüchtigten „Schlüsselzenen“ wohl sofort als Banalität abgetan worden. Wer sich auf „Irréversible“ einlässt, mag alsbald verfluchen, dass diese Entscheidung nicht mehr rückgängig zu machen ist. Der Film ist Sadismus für den Sehnerv, die Kamera transportiert im Objektiv den menschlichen Wahnsinn. Die Steadycam dreht sich fast kontinuierlich zitternd um die eigene Achse und fokussiert, nachdem der Zuschauer in den ersten schwindelerregenden Aufnahmen eines dunkeln Innenhofes vergeblich dem Auge Halt zu geben sucht, zwei Männer, von denen der eine den Geschlechtsverkehr mit seiner Tochter als „irréversible“ bedauert.

Das bleibt autonomer Prolog, dann dreht sich die Kamera taumelnd in Richtung Decke, um nach dem Schnitt tiefer in den Schwärze (des Menschen) vorzudringen. Dass der Zuschauer nicht versteht, weil er noch nicht um den manierierten Kniff der umgekehrten Erzählreihenfolge weiß, ist nur Wirkbedingung der verstörenden Achterbahnfahrt. Das Gefuchtel der undeutlichen, viel zu düsteren Bilder, kann in zwei Richtungen interpretiert werden: zum einen, dass die Kameraführung als drastische formale Metapher für den Kontrollverlust und die besinnungslose Wut von Marcus (Vincent Cassel), für das Ausbrechen des Animalischen steht; zum anderen, weniger wohlwollend, als manierierte, krankhafte Wackelei, die das Zuschauen nicht nur anstrengend, sondern gleich nervtötend macht.

Beim Reizgrad wird nun brav immer nachgelegt. Der Zuschauer, völlig desorientiert und durch das Objektiv der Kamera doch auf einer Wahrnehmungsebene der Realität mit Marcus, folgt diesem in den Abgrund einer schwulen sadomasochistischen Hölle des Clubs „Rectum“. Dort peitscht und stöhnt es programmgemäß ekelerregend aus allen Richtungen und auch der Sprachgebrauch gibt sich alle obszöne Mühe. Marcus schwankt mit aggressiver Besessenheit auf der Suche nach einem ominösen „Tapworm“ durch die lichtlosen Triebsümpfe des Clubs. Schließlich ist das Szenario wie geschaffen für das, was als perverse Gipfelerklimmung am Anfang des Films liegt und doch, wie erst später klar wird, dessen Ende darstellt: die, wir müssen es sagen, furchtbare Totschlagszene des vermeintlichen Vergewaltigers.

Man könnte nun spekulieren, wo die „Botschaft“ dieser Brutalität liegt – ob Noé durch die Neudefinition der Schonungslosigkeit die menschliche Natur als potentiell gewalttätige per se entlarven und sagen will, dass deren schreckliche Eruption ja immer erfolgen könnte. Das wäre aber geschmeichelt, denn das Motiv ist eher ein klar niederes: Dadurch, dass „Irréversible“ in dieser ersten „Schlüsselszene“ in beispielloser Bestialität zeigt, wie der Kopf eines Menschen mit einem Feuerlöscher zertrümmert wird, will er die Gemüter erregten, Grenzen ausloten, plakativ auffallen. Der Effekt wirkt, hinterlässt aber nichts. Nach diesem Exzess wird im Schnitt zur nächsten Szene klar, dass Noé sich der Spielerei des rückwärtigen Erzählens bedient. Deren dramaturgische Wirkkraft liegt ohne Frage darin, daß der Zuschauer, beim Ende des Films bzw. beim Anfang der Handlung angelangt, um die schreckliche Determination des Geschehens weiß.

Das ist als Kalkül des verstörenden Streifens notwendig, denn wenn Noé in gewöhnlicher Chronologie erzählt hätte, wäre der Alptraum zu sehr in eine Ordnung gebracht und seine triviale Handlung umgehend abgestraft worden. Sicher, man mag anführen, dass die glückliche und dann durch eine schreckliche Vergewaltigung zerstörte Beziehung in ihrer Aufbereitung so etliche an existentialistischen und wichtigen Verweisen auf die Grundbedingungen des Menschen zulässt. Doch vor allem wird hier sensationsgeil versucht, die unfassbare Dimension von Gewalt fassbar zu machen. Das geschieht in der zweiten „Schlüsselszene“, die im Grad der Intensität des Dargestellten an die Erste anknüpft: die Vergewaltigung von Alex. Zynischerweise findet die Kamera hier das erste Mal Ruhe und der Zuschauer muss aus einem Blickwinkel acht Minuten lang ohne Schnitt dem Verbrechen beiwohnen. Von perversen voyeuristischen Tendenzen abgesehen ist aber die Länge einfach nur unerträglich.

Nach dieser zweiten und letzten Orgie, der natürlich schonungslosesten Vergewaltigungsszene der Filmgeschichte, verliert „Irréversible“ in der Rekonstruktion der Verhältnisse deutlich an Drive. Wer es bis hierhin ohne werbewirksamen Zusammenbruch ausgehalten hat, wird zwar noch mit sehenswerten schauspielerischen Leistungen teils entschädigt, weil auch die Dialogführung einen enormen Grad an Realismus aufzuweisen hat. In der Harmonie von Beethoven endet und beginnt schließlich alles. „Irréversible“ mag man zugute halten, dass er wie kein Film vor ihm die kreislaufartigen Mechanismen von Gewalt und Gegengewalt, die die Menschen und ihr fragiles Glück zerstören, exemplarisch offen legt. Vergewaltigung und manische Rache brauchen wir aber nicht in extenso zelebriert zu sehen, um zu begreifen, welche vernichtenden Kräfte sie sind. Gaspar Noés Film könnte letztlich dann als sehenswert qualifiziert werden, wenn man ihn als unschönes Formexperiment der „Kunst“ wertet.

Banales Schockmovie, allein für Grenzgänger empfehlenswert


Flemming Schock