Tomb Raider 2 - Die Wiege des Lebens
(Tomb Raider - The Cradle of Life)

USA, 117min
R:Jan De Bont
B:Steven E. Souza, James V. Hart, Dean Georgaris
D:Angelina Jolie,
Gerard Butler,
Ciaran Hinds,
Chris Barrie,
Til Schweiger
L:IMDb
„I don't expect anything from an english woman. – Good. 'Cause you're not gonna get anything”
Inhalt
Lara Croft (Angelina Jolie) befindet sich in einem globalen Wettlauf gegen einen geisteskranken Wissenschaftler (Ciarán Hinds), der mit Hilfe der sagenumwobenen Büchse der Pandora unvorstellbaren Schrecken über die Menschheit bringen will. Infolge dieses Wettlaufes muss Lara bei der Jagd durch China, Afrika und Europa nicht nur Rückschläge einstecken und mit dem Verlust von Freunden fertig werden – als unfreiwilligen Partner muss sie auch noch einen verstoßenen Ex-Agenten Ihrer Majestät (Gerard Butler) im Auge behalten, der Lara bereits einmal das Herz brach und damit ihre wohl verletzlichste Stelle fand. Denn so souverän sich Lara bei Motorradjagden auf der Chinesischen Mauer oder per Pferd beim Waffentraining gibt, und so wagemutig sie sich in haiverseuchte Gewässer oder schwindelerregende Abgründe stürzt, letztlich ist sie eine Frau aus Fleisch und Blut, die fühlt und fürchtet. Und ihre Gegner verstehen dies erbarmungslos auszunutzen.
Kurzkommentar
"Speed"-Regisseur Jan de Bont erweist sich bei der zweiten Verarbeitung der Computerspiel-Ikone Lara Croft als ebenso kontur- und substanzlos wie sein Vorgänger Simon West. Mit gähnend unspannenden Actionsequenzen, hohlen Figuren und schon dreistem Desinteresse an einem tragfähigen Plot setzt er die Stumpfsinnigkeiten des ersten Teils konsequent fort und versucht nicht in einer Minute Faszination für das so wunderbare Themengebiet der Archäologie und Mythologie zu erzeugen.
Kritik
Computer- bzw. Videospielverfilmungen haben nach wie vor das Image zweitklassigen Trashs. Ob frühe Versuche wie Annabel Jankels und Rocky Mortons Umsetzung der „Super Mario Bros.“, Steven E. de Souzas „Street Fighter“ oder die Verbrechen Paul Andersons („Mortal Kombat“), keine Adaption (man fürchtet sich ja schon davor, den Begriff angesichts der substanzlosen Vorlagen zu verwenden) vermochte es bislang, mehr zu sein als bloße Real-Verfilmungen prügelnder Peinlichkeiten. Und trotz höheren Budgets, ambitionierter Crew und charismatischer Figur musste auch Simon Wests Versuch, der Game-Ikone schlechthin, Lara Croft, mit „Tomb Raider“ anno 2001 mehr als nur virtuelles Leben einzuhauchen, als gescheitert angesehen werden. Einzig und allein „Final Fantasy“, eine inhaltlich äußerst lose Umsetzung der erfolgreichen, mehrteiligen Rollenspiel-Serie, konnte man künstlerisch als überzeugend einstufen. Wohl vor allem deshalb, weil es sich hierbei um den bislang einzigen Versuch handelte, der „Vorlage“ treu zu bleiben, die Realisierung also konsequenterweise in einem aufwändigen Digitalfilm mündete. Dummerweise war „Final Fantasy“ an den amerikanischen Kinokassen ein überragendes Desaster (Einspiel: 32 Mio.$) und Square Pictures, mit viel Geld und Ambition in Hawaii aus dem Boden gestampft, macht jetzt Auftragsarbeiten (wie den Kurzfilm „Final Flight of the Osiris“) für die wirklich erfolgreichen Filme mit Videospiel-Touch („Matrix - Reloaded“).

Dass „Tomb Raider“ in der Serie der Game-Umsetzungen der bislang einzige Erfolg geblieben ist, hängt aber wohl kaum damit zusammen, dass West eine quasi-kongeniale Aufarbeitung des Spiels gelungen war. Der Erfolg war viel mehr ein Massenphänomen, ein schamloser Griff der Filmindustrie in die Taschen des Spielemarkts, der –das wurde vor ein paar Monaten bekannt– mittlerweile deutlich mehr umsetzt als die bisherige Königin des Entertainments namens Hollywood. Denn auch wenn das Medium Film noch viele und vor allem noch sehr erfolgreiche Jahre vor sich hat, prinzipiell ist es durch den interaktiven Film, nämlich dem Computerspiel, bereits als moderner Entertainment-Zweig abgelöst worden. Viele Spiele sind involvierender, fesselnder, spannender als die Standardware aus Hollywood und das wird der stereotypischen Produkten aus Los Angeles irgendwann das Genick brechen und es wird, eine mutige Prognose, ihr Handwerk schließlich der Computerspiel-Industrie zur Verfügung stellen.

Beleg für das lediglich temporäre Phänomen „Lara Croft“ bleibt nun nicht zuletzt das bisherige Einspielergebnis des zweiten Teils „Die Wiege des Lebens“. War es in Hollywood bislang nahezu Faktum, mit dem zweiten Teil einer Serie mehr, oder wenigstens annähernd soviel wie mit dem Vorgänger verdienen zu können, straft „Tomb Raider 2“ allen Produktionsbossen Lüge. Auf Platz 8 der Charts ist Laras neues Abenteuer nach zwei Wochen bereits abgestürzt und das Einspielergebnis bei mageren 52 Mio.$ gelandet. Eine Summe, die derzeit nur knapp über einem Drittel des Vorgängerergebnisses liegt und endgültig das Zeichen zu geben scheint: „Hey, so leicht lässt sich das Geld der Zuschauer auch nicht aus der Tasche ziehen“.

Dennoch möchte man behaupten, dass nicht zuletzt die Qualität des Streifens für das schlechte Ergebnis verantwortlich ist. Denn wo Simon West im ersten Teil versäumt hatte, Lara über ihre Oberweite hinaus attraktiv zu gestalten, so erweist sich auch „Speed“-Regisseur Jan de Bont als Meister der Stumpfsinnigkeit. Denn erinnern wir uns an die „Indiana Jones“-Filme und fragen uns, warum diese so erfolgreich waren. Aufgrund von Harrison Ford? Weil Steven Spielberg Regie führte? Nicht unmittelbar. Die Trilogie lebte vielmehr von ihrem Sinn für Abenteuer, von ihrem süffisanten Witz, ihrem charismatischen Helden und, nicht zuletzt, ihrem naiven, verklärten Sinn für Mythologie und Archäologie. Sie waren so unterhaltsam, weil sie neben der perfekten Hollywood-Dramaturgie Faszination für Helden und Sagen, für göttliche Macht, für Mystik und pures Abenteuer zu provozieren verstanden; weil Indiana Jones in einer antiken Bücherei den Zugang zu den Katakomben Venedigs entdeckt; weil die Bundeslade am Ende des ersten Teils in ein Lager voller harmloser Museumsstücke geschoben wird. Archäologie wird zum spannendsten Job des Jahrzehnts erhoben, Geschichte als Geisteswissenschaft höchster Faszination.

Die Zuschauer für die Mission des Helden bzw. der Heldin zu interessieren, Sinn für Abenteuer zu vermitteln, die Faszination an uralten, mythologischen Kräften zu wecken, das alles ist sowohl Simon West als auch Jan de Bont nicht in den Sinn gekommen. Stattdessen präsentiert der erste wie nun der zweite Teil belangloses Geblubbere, schmerzhaft-uncharismatische Figuren und stumpfsinnige Actionszenen, die, über ihre Fantasielosigkeit hinaus, noch gänzlich unspannend und ereignislos inszeniert wurden. Trotzdem sich das Sujet, eben wie bei der „Indiana Jones“-Serie, so wunderbar für eine starke Geschichte anbietet, spielt de Bont nur die einzelnen Levels durch, wechselt alle zehn Minuten den Handlungsort ohne Sinn und Verstand.
Er plündert jedes Actionklischee (der Bösewicht, der lieber redet als zu schießen), jeden stereotypischen Dialog („a power greater than anything you can imagine“), macht selbst vor dramaturgisch bis dato gänzlich vernachlässigten „Emotionen“ nicht halt und will uns ernsthaft shakespearsche Tragik verkaufen, wenn Lara sich zum Ende hin zwischen Liebe und Rationalität entscheiden muss. (Ein mindestens ebenso peinlicher Versuch wie der Vater/Tochter-Konflikt des ersten Teils.)

Und ist es damit noch nicht genug, gibt sich „Tomb Raider 2“ darüberhinaus als elendig trashig (gib dem Hai eins auf die Nase!) und schamlos plagiierend. Das komplette Ende ist eine einzige Variation des Finales aus „Indiana Jones und der letzte Kreuzzug“: das Militär, das „heiliges“ Gebiet betritt und es ausbeuten will, die einzelnen Soldaten, die vorausgeschickt werden und einer nach dem anderen dran glauben muss, der Bösewicht, der seiner Gier verfällt und sich anschließend bis auf die Knochen auflöst, die Heldin, deren Liebe der Versuchung zum Opfer fällt, und selber nur unter Beherrschung widerstehen kann.

Nein, „Die Wiege des Lebens“ ist ein ganz und gar langweiliger, nicht mal durch seine handwerkliche Professionalität unterhaltsamer Abenteuerfilm, dem nahezu alles fehlt, was das Genre auszeichnet: Spannung, Charisma, Witz, Faszination für das mystisch-verklärte. Ein Misserfolg. Nicht nur auf finanzieller Ebene.

Trashig-unspannende Übung in narrativem Desinteresse


Thomas Schlömer