Voll Frontal
(Full Frontal)

USA 2002, 101min
R:Steven Soderbergh
B:Coleman Hough
D:Julia Roberts,
Blair Underwood,
Catherine Keener,
Mary McCormack,
David Hyde Pierce
L:IMDb
„That´s the state of being chocolate in Hollywood today”
Inhalt
Irrenhaus Hollywood: Superstar Francesca spielt mit einem Jungstar in ihrem neuen Film, in dem sich alles nur um Film dreht. Filmjournalist Carl wird aus seinem Job gefeuert und muss die bittere Pille schlucken, dass seine überkandidelte Frau, eine Hollywood-Managerin, sich von ihm trennen will. Ihre Schwester, die Masseuse Linda, sucht derweil nach dem richtigen Mann fürs Leben. Und schließlich ist da noch der Produzent Gus, der eher auf ausgefallenen Sex steht. In einem regelrechten Fegefeuer der Eitelkeiten treffen all diese Figuren bei einer Geburtstagsparty aufeinander. Und dann geht's drunter und drüber.
Kurzkommentar
Er ist der Vielarbeiter, der gehätschelte Intellektuelle Hollywoods. Nach zu viel Mainstream-Opfern verpasst Steven Soderbergh der filmischen Normalität die Ohrfeige und tobt sich mit „Full Frontal“, einem halbironischen Exkurs auf die Meta-Ebene des Filmens, ordentlich aus. Das Ergebnis lagert sich irgendwo zwischen eitlem Formexperiment und einer von glänzenden Darstellern getragenen, doch halbgaren Reflexion über den Film auf der einen Seite, die Realität auf der anderen und das Leben in der Mitte.
Kritik
Film ist Fiktion und damit feinsäuberlich von der Realität getrennt. Oder auch nicht. Klare Trennungsverhältnisse sind ja bloß langweilige Hilfsmittel zur Wirklichkeitsbewältigung, Konstruktion und letzten Endes damit auch Fiktion, Einbildung. Film kann Fiktion über Fiktion sein, vielleicht ist das seine wahrste Natur. Womöglich ist diese programmatische Wahrnehmungsverwirrung aber auch nur postmoderne Mode und die Wirklichkeit doch so, wie sie ist. Immerhin, an der Auflösung der Grenze von Realität und Fiktion und damit an seinen eigenen Grundfesten arbeitet auch Hollywood seit geraumer Zeit, „Adaption“ ist nur das jüngste Beispiel.

In diesem Spiel wird die Traumfabrik spaßeshalber selbstreferentiell und zum Meta-Film-Produzenten, dreht, wo chronischer Mangel an „fiktiven“ Stoffen grassiert, Filme über das Filme machen. Und was Spike Jonze kann, das kann Steven Soderbergh, gern als „intellektuellster“ Filmemacher Hollywoods tituliert, wohl erst recht. So spielte bei der Entscheidung, dem Trend gemäß selbst einen experimentellen Kommentar zum Filmemachen abzuliefern, Eitelkeit eine nicht unwichtige Rolle. Denn nachdem Soderbergh mit „Erin Brokovich“, „Traffic“ und „Ocean´s Eleven“ gleich dreifach in kürzester Zeit dem Massenkino erfolgreich Tribut zollte, musste nun Schluss sein – zurück zum Anspruch.

Das ging allerdings schon bei „Solaris“ gehörig in die Hose, wo Soderberghs Qualität des Geschichtenerzählens die „endgültige Kapitulation vor dem Inhalt“ brachte. Der Spagat zwischen „Kunst“ und Kommerz, die ständig an Soderbergh gerichtete Klischeeerwartung, blieb unerfüllt. Und Erwartungen des größeren Publikums möchte Soderbergh mit „Full Frontal“ nun sicher völlig vor den Kopf stoßen, denn mit nur 2 Millionen Dollar Budget und dem forcierten Einsatz von Digitalkameras riecht alles verdächtig nach nur einer Etikette: „Kunst“. Der Auftakt des auf vielen Ebenen funktionierenden „Dogma“-Versuchs über das Leben und Leid im Filmbusiness ist bereits verwirrend.

Soderbergh fordert unsere Sehgewohnheiten und Rezeptionsgewohnheiten heraus: Fiktive Charaktere werden im bereits dokumentarisch wirkenden Stil eingeführt. Ein Beziehungsgepflecht ist erst nicht zu erkennen, ihre einzige Gemeinsamkeit ist, dass sie zur Geburtstagsfeier des Filmproduzenten Gus eingeladen sind. Darauf folgt die Eröffnung einer geschickt gesetzten „Film-im-Film“-Szene, die sich, immer wieder aufgenommen, durch den gesamten Rest zieht. Nur sie ist im konventionellen 35mm-Kinomaterial gedreht. Das ist die angebliche Fiktion, dann folgt ein radikaler bildästhetischer Bruch, indem Soderbergh auf „wirklichkeitsnaher“ Zweitebene eine Pseudodokumentation synchron schaltet.

Hier zeigt sich, dass „Full Frontal“ vor allem ein stilistisches Spiel, ein Operieren mit der Form ist. Dass lancierte Fiktion und Realität durch die Qualität des Filmmaterials auseinander gehalten werden, wirkt kräftig zwar kräftig gekünstelt, ist aber einmal mehr Beweis für Soderberghs Meisterschaft auf diesem Gebiet. Wirklich originell ist hingegen lediglich der Kombinationsgedanke, denn das zittrige, krobkörnige und mies ausgeleuchtete Bild der Digitalkamera ist eindeutig ein Erbe der „Dogma“-Ästhetik. Auch der Inhalt soll vor diesem etwas selbstgefälligen Formalismus nicht zurückstehen und bietet gerade durch spätere Verschränkung von Realität und Fiktion ein spannendes Moment.

So spielen Julia Roberts und Blair Underwood Doppelrollen der besonderen Art: zum einen im „fiktionalen“ Teil ihre Rollen und im „realen“ Teil die Schauspieler dieser Rollen. Dem ist nicht einfach zu folgen, denn hinzu lagert Soderbergh die Aufnahme eines Tages im Leben der Handlungsträger im „dokumentarischen“ Strang. Neben Julia Roberts, die mit narzisstischem Beigeschmack auch ein Stück sich selbst zu spielen hat, sind auch die weiteren Rollen exquisit besetzt. Blair Underwood illustriert in seinen zwei Rollen das Verhaltensgefälle von Rolle zu Rolle besonders schön und auch David Hyde Pierce und Catherine Keener bestechen als Problemehepaar, Nicky Katt als neurotischer Hitlerimitator.

Deren Seelenlage breitet der „nichtfiktionale“ Teil mittels Off-Kommentaren und szenischen Dialogen wirkungsstark aus. Hier ist bemerkenswert, dass mit den Authentizität suggerierenden Digitalbildern allein die Form und damit das „Medium“ der Wahrnehmung das Bild der Wirklichkeit beeinflusst: Tatsächlich transportiert das Bild und die geglaubte Unmittelbarkeit in etlichen Szenen die Emotionalität viel intensiver als es 35mm-Material vermag. Trotzdem wird aus „Full Frontal“ kein bedeutender Entwurf, weil Soderbergh über seiner Ästhetik mal wieder eines vergisst: nach (im positiven Sinne) konventioneller Dramaturgie ein Handlungsgerüst zu stricken, das bei der Stange hält.

Selbst wenn die Handlungsstränge willkürlich gegen Ende zusammengeführt werden, sind sie im Einzelnen unentschieden, die Motive vage und durch den beobachtenden Stil eher belanglos. Kaum kommt es zu Wendepunkten, ein sichtlicher Spannungsaufbau mit Klimax interessiert Soderbergh ebenso wenig wie Identifikationsträger oder eine „Botschaft“ jenseits der banalen Feststellung, dass das ganze Leben ja ein Film sei. Der inhaltliche Witz von „Full Frontal“ ist bleibt damit eher die Formspielerei. Dennoch gefällt diese anstrengende Frontalität, weil die intelligente Verwebung der Erzählebenen, hinter der jederzeit wieder eine neue stehen könnte, die Funktionsgesetze des Kinos diskursartig vorführt.


Trendgemäßer Meta-Filmvesuch mit hohen Stilniveau und lascher Essenz


Flemming Schock