Long Walk Home
(Rabbit-Proof Fence)

Australien, 94min
Filmspiegel-Auszeichnung
R:Phillip Noyce
B:Doris Pilkington,Christine Olsen
D:Everlyn Sampi,
Tianna Sansbury,
Laura Monaghan,
David Gulpilil,
Kenneth Branagh
L:IMDb
„Those other kids that were taken, they were much younger. They didn't know mother. But I was older, I knew mother. I wanted to go home to mother.”
Inhalt
Jigalong, West-Australien, 1931. Konsequent verfolgt der Chief Protector of Aborigines, A.O. Neville (Kenneth Branagh), die australische Rassenpolitik. Ziel ist, routinemäßig alle Mischlingskinder von ihren Eltern zu trennen, um sie in staatlichen Heimen zu englisch sprechenden Hausangestellten und Farmarbeitern umzuerziehen. Opfer dieser Politik werden auch Molly Craig (Everlyn Sampi), damals 14, ihre jüngere Schwester Daisy (Tianna Sansbury) und ihre Cousine Gracie (Laura Monaghan). Gewaltsam werden sie von ihren Müttern getrennt und in das weit entfernte Camp Moore River verschleppt. Molly beschließt, mit Daisy und Gracie aus dem Camp zu fliehen. 1.500 Meilen trennen sie von ihrem Zuhause. Die einzige Orientierung, die die Mädchen in der endlosen Weite Australiens haben, ist ein Zaun, der als Schutz vor Kaninchenplagen den gesamten Kontinent durchläuft - der "Rabbit-Proof Fence".
Kurzkommentar
Nichts ist ergreifender als die Wahrheit und "Long Walk Home" vermittelt sie auf kraftvolle Weise. Die berührende Geschichte um drei Mädchen, die 1500 Meilen auf dem Weg zu ihrer Mutter und ihrem Zuhause zurückgelegt haben, ist handwerlich großartig umgesetzt, leidet aber unter seinem schwachen Drehbuch. Nichtsdestotrotz verhilft der Realitätsbezug Phillip Noyces ambitioniertem Doku-Drama zu immenser emotionaler Dichte.
Kritik
Manchmal ist die Grundidee eines Filmes so stark, so überwältigend und kraftvoll, dass sie ihn über die komplette Laufzeit tragen kann, selbst wenn die eigentliche Umsetzung mittels filmdramaturgischer Mittel nur als durchschnittlich bewertet werden kann. "Und täglich grüßt das Murmeltier" ist so ein Beispiel, vielleicht sogar Peter Weirs "Truman Show". Zu besonderer Stärke gelangt eine solche Arbeit dann, wenn sie auf wahren Begebenheiten beruht, und zwar auf solchen, die kaum verdreht oder verfälscht dargestellt werden können, die -würde man sie als fiktionalen Stoff verkaufen- nicht den Eindruck totaler Unglaubwürdigkeit vermitteln würden. Denn allzu oft werden reale Vorfälle nur als Vorwand für eine filmische Auseinandersetzung genutzt - man behauptet einfach, der Film basiere auf wahren Begebenheiten, auch wenn sich nur die Grundidee tatsächlich ereignet hat. Insbesondere Fernsehproduktionen, aber leider auch viele Kinofilme schmälern die Erwartungen an ein akkurates Werk auf diese Weise eher als dass sie sie stützen.

"Long Walk Home", im Original "Rabbit-Proof Fence", ist nun Paradebeispiel für eingangs deklarierte Kategorie. Die Geschichte um drei kleine Mädchen, die entlang eines Kaninchenzaunes knapp 1500(!) Meilen durch wüstenähnliche Landschaftsabschnitte nach Hause gelaufen sind, ist von derartiger emotionaler Kraft, dass sie die deutlichen Schwächen des Drehbuchs mühelos überdeckt und eines der berührendsten Plädoyers für Selbstbestimmung und Freiheit erzählt, die das Kino in den letzten paar Monaten gesehen hat. Dabei steht außer Frage, dass die Realitätsnähe des Films, die Tatsache, dass hier lediglich bebildert wird, was Doris Pilkington, die Tochter der im Film 14-jährigen Molly, in ihrem Roman "Follow the Rabbit-Proof Fence" wahrheitsgetreu von ihrer Mutter und ihrer Tante Daisy übernommen hat, die einzige, aber eben auch wichtigste Stärke des Films ist. Das Schicksal keines fiktionalen Charakters geht so zu Herzen wie das eines realen und nichts ist anrührender, als in den End Credits Texttafeln lesen zu müssen, die in ihrer bitteren Wahrheit von der Unmenschlichkeit der realen Welt erzählen - gerade wenn die gesetzlichen Voraussetzung, die staatlichen Institutionen das Herausreißen der Kinder aus ihrem familiären Umfeld erlaubt haben, bis 1970 galten. Das ist gerade einmal 30 Jahre her.

So ist dem Australier Philip Noyce, der zuletzt mit der ebenso bedeutenden Geschichtsaufarbeitung "Der Stille Amerikaner" überzeugt hat, genaugenommen nur dafür Respekt zu zollen, dass er sich des Stoffes überhaupt angenommen hat. Das Drehbuch von Christine Olsen, das ihm zur Verfügung stand, verdient indes wenig Lob. Eine Charakterisierung der Mädchen findet beispielsweise überhaupt nicht statt, Nebenfiguren wie der Verfolger bleiben äußerst knapp umrissen, der beschwerliche Weg nach Hause wirkt redundant und vermittelt wenig Eindruck von dem immensen körperlichen Kraftakt, den die Kinder haben bewältigen müssen. Lediglich die Neutralität tut dem Stoff gut. Wo Initiator A.O. Neville, unter rassistischen Aspekten als Joseph Goebbels Australiens zu bezeichnen, als verblendeter Mann gezeichnet wird, der tatsächlich der Überzeugung ist, den Aborigines mit seinem "Reinigungsprogramm" etwas Gutes zu tun, treffen die Mädchen auch auf viele Weiße, die bereit sind, ihnen Kleidung und Brot zu geben. Selbst das Lager, in das die Kinder zunächst interniert werden, wird nicht unbedingt als Ort der Grausamkeit dargestellt, der so naheliegend gewesen wäre. Vielmehr wurde in den 30ern hier versucht, die Kinder auf pädagogische, wenn auch strenge (und natürlich fragwürdige) Weise umzuerziehen.

Und trotz seiner filmdramaturgischen Schwächen ist "Long Walk Home" beinahe ein Pflichtbesuch. Sein Thema ist so elementar, die Situation seiner Protagonisten so kraftvoll, die Schlussszenen so überwältigend, dass er absolut sehenswert bleibt. Dank elegischer Musik Peter Gabriels (der viel zu selten Filmmusik schreibt) und hervorragender Fotografie Christopher Doyles (der zuletzt "Hero" zu seiner betörenden Optik verhalf) findet Noyce zumindest handwerklich die angemessene Form, seiner Thematik gerecht zu werden. Und wenn die realen Aborigines Molly und Daisy in der letzten Einstellung von ihrem weiteren Schicksal erzählen und ihr vom Alter gezeichnetes Äußeres mehr über ihren unfassbaren Kampf für Freiheit und Autonomie einen kleinen Eindruck vermittelt, wird klar, was viel zu lange unverfilmt geblieben ist.

Aufgrund seiner Realitätsnähe berührendes Plädoyer gegen den Rassenhass Australiens


Thomas Schlömer