Liga der außergewöhnlichen Gentlemen, Die
(League of extraordinary Gentlemen, The)

USA, 110min
R:Stephen Norrington
B:Alan Moore,Alan Moore
D:Sean Connery,
Naseeruddin Shah,
Peta Wilson,
Tony Curran,
Stuart Townsend
L:IMDb
„Ich lebe lange genug, um gesehen zu haben, wie aus der Zukunft Geschichte wurde”
Inhalt
Allan Quatermain (Sean Connery) führt eine Liga unnachahmlicher Helden an, wie sie die Welt noch nicht gesehen hat: die Liga der außergewöhnlichen Gentlemen. Sie besteht aus Captain Nemo (Naseeruddin Shah), der Vampirsbraut Mina Harker (Peta Wilson), einem Unsichtbaren namens Rodney Skinner (Tony Curran), dem Agenten Sawyer (Shane West), dem unsterblichen Dorian Gray (Stuart Townsend) und Dr. Jekyll / Mr.Hyde (Jason Flemyng). Die sieben Mitglieder der Liga sind Individualisten, Ausgestoßene der Gesellschaft mit einer erlebnisreichen Vergangenheit. Jeder von ihnen hat besondere Gaben, die sich bislang sowohl vernichtend als auch heilend ausgewirkt haben. Jetzt kommt es darauf an, dass sie lernen, sich gegenseitig zu vertrauen und als Team zusammenzuarbeiten, denn die Hoffnung der Menschheit ruht auf ihnen.
Kurzkommentar
Möglich, dass hier mal wieder dem Gehalt eines Comics bei seiner Umsetzung Gewalt angetan wurde. „Blade“-Regisseur Stephen Norrington bleibt seiner Linie treu und serviert mit „Der Liga“ einen inhaltlich entleertes Fantasyspektakel über das Gipfeltreffen fast mythischer Literaturhelden. Die Priorität liegt eindeutig auf Schau- und Krawallwerten, die gute Besetzung ist sträflich unterfordert. Dass Norrington keinen Kompromiss aus Psychologie und massentauglichem Grafikblender, sondern konsequent nur Letzteres sucht, kann bedauert oder genossen werden. Retrofuturistisches Ambiente schafft düstere Stimmung, verwöhnt mit meist ausgereiften Effekten stilvoll die Augen und punktet im Rahmen der niedrigen Erwartung.
Kritik
Die Welle der Comicverfilmungen rollt unbeeindruckt weiter, im Prinzip Masse statt Klasse lässt Extraordinäres weiter auf sich warten. Dass die vollmundige „Liga der außergewöhnlichen Gentlemen“ Plakettenschwindel werden und kaum mit Tiefgang überzeugen würde, lag da nahe. Wer die Filmographie von Regisseur Stephen Norrington kennt, weiß, dass er kein Neuling der Materie ist, mit „Blade“ 1998 eine äußerst stilistische, aber – so bemängelten viele – blutleere Adaption des gleichnamigen Vampircomics vorlegte. Das machte ihn wenigstens aus formaler Perspektive zum Wunschkandidaten für die Aufsehen erregende Comicserie Alan Moores. Diese bezieht ihren Reiz aus einer fantastisch „postmodernen“ Grundidee: alles, was in der englischen Literatur des 19. Jahrhunderts einen fast mythischen Namen hat, wird Pop-Art gerecht zu einem Heldenzirkus auf der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert, am Vorabend der Moderne zu einem effektreichen Stelldichein zusammengewürfelt, um gemeinsam gegen den Weltuntergang anzutreten.

Dass gerade bei der Filmumsetzung die komplexen Romanfiguren auf Sprechblasengröße zusammenschrumpfen würden, war gerade angesichts der angepeilten Zielgruppe das Wahrscheinlichste. Kaum jemand der jüngeren Semester dürfte mit der Tiefe der phantastischen Gestalt Kapitän Nemos aus Jules Vernes „20000 Meilen unter dem Meer“, mit der schizophrenen Abgründigkeit von „Dr. Jekyll“ Robert Louis Stevensons oder der tragischen Sehnsucht nach Jugend des „Dorian Gray“ von Oscar Wilde etwas anfangen können. Dieses Kabinett der Helden mit Doppelnaturen ergänzt sich noch um „Alain Quartermain“, den Prototypen von Indiana Jones, H.G. Wells „Unsichtbaren“ und der Liebsten eines Vampirjägers aus Bram Stokers „Dracula“. Mark Twains „Tom Sawyer“, endlich mehr oder weniger erwachsen geworden, schließt sich in amerikanischer Manier mit den Revolvern fuchtelnd dem intertextuellen Heldenkonvent an.

Jede der verwickelten fiktiven Gestalten könnte und hat unter anderem auch ganze Filmreihen und Bücherschränke gefüllt. Da ist nicht nur die Idee, sie kollidieren zu lassen phantastisch, sondern auch der Anspruch, man könnte dann in der Figurenzeichnung des Einzelnen über Schauwerte hinausgelangen. Das Argument, es wäre in der Vorlage nur mit Bildern und Sprechblasen möglich gewesen, klingt zumindest suspekt. Und Norrington tut nur gut daran, sich zu vergegenwärtigen, was angesichts von Umsatzzwängen möglich ist und was nicht. Die Häme, mit der man seinen Film bereits aus diesem Grund bedacht hat, wäre nur noch radikaler geworden, hätte er versucht, dem ultimativen Diskurs Rechnung zu tragen und die ganze, hinter jedem der Recken stehende literarische Wucht einzubringen und jedes Charakterprofil mit dem ganzen Ernst der Vorlage aufzuarbeiten. Dass sich Norrington für so manchen trotzdem billig aus der Affäre zieht, gar für das Gegenteil entscheidet, klären die ersten Minuten.

So lässt die rasante Eröffnung keine Missverständnisse über die Gangart des Streifens aufkommen: im London des Jahres 1899 ist Fin de sciècle und Science-Fiction gleichzeitig, denn zur Jahrhundertwende gab es noch keine Panzer. Trotzdem wälzt sich eines der schnaubenden Stahlungetüme durch sämtliche Mauern ins neue Jahrhundert und schließlich in den Tresor der Bank of England. Dem Gefährt entsteigen, wiederum völlig anachronistisch, Schergen in Uniformen der Wehrmacht und der lächerlich kostümierte Bösewicht. Der will natürlich die Welt an sich reißen, hetzt die Nationen Unheil stiftend gegeneinander auf. Das ist schrecklich flach und möglichst explosionsfreudig. Doch besticht der Film von Beginn an durch die typische Bildhandschrift Norringtons, die viel Gespür für phantastisches Setdesign und rasante Action mitbringt. Nur kurz hält diese den Atem an, wenn sich der Ort des Geschehens nach Afrika verlagert, wo Sean Connery in gewohnter Souveränität als altmodischer Kolonialheroe gegen Maschinengewehre, die ihrer Zeit ebenfalls voraus sind, vorgeht.

Die Gewaltchoreographie funktioniert hier mit schnellen Schnitten und Humor ziemlich überzeugend. Die weitere Handlung ist albernes Flickwerk, natürlich. So ist die illustre Heldentruppe schnell rekrutiert und da der Bösewicht an der Vernichtung Venedigs erproben will, ist genug Vorwand zu geben, um Spezialeffekte zu entfesseln. „Die Liga“ ist zweifellos eine leere Schaunummer. „Mr. Hyde“, die monströse Seite des Ichs aus Stevensens Klassiker, pervertiert für das sensationsgewöhnte Auge zu einer aufgeblasenen „Hulk“-Kopie und spricht damit ebenso Bände wie Jules Vernes „Nemo“, eine mies ausstaffierte Phantasie aus Tausend und einer Nacht. Connery ist der einzige, der das Interessante seiner Figur auch nur annähernd auskundschaften darf. Nicht nur die Komplexität der Figuren, sondern auch die möglichen Spannungsverhältnisse zwischen ihnen opfert Norrington seinem Effektekrawall. Der trägt sich aber durch ein enormes Tempo, genreüblichen Witz, aber vor allem durch das enorme stilistische Gespür des Regisseurs.

„Die Liga“ bietetet einen stimmungsvoll finsteren Bilderkosmos, der wie das visuelle Gegenstück zur Dekadenz des Fin de sciècle, zur Schwelle zwischen Fortschrittzeitalter und technoider Massenvernichtung im Ersten Weltkrieg wirkt. Hinzu kommt, bedingt durch die fantastische Natur der Helden, jede Menge schicker Retrofuturismus, der unbekümmert Stile und Epochen eklektisch ineinander wirft und Jules Vernes Visionen alle Ehre erweist. Das macht, zusammen mit den Effekten auf fast durchweg hohem Niveau, einiges her und kann über gestutzten Inhalt mit Rasanz hinwegtrösten. Natürlich mag es seine Berechtigung haben, wieder einmal über die Seelenlosigkeit einer weiteren, beliebigen Comicumsetzung zu stöhnen. Und natürlich ist die „Liga“ eine einzige digitale Protzerei. Wer aber einem Comic mit nicht unrealistischen Erwartungen begegnet, mag finden, dass Norringtons ungeschminkt blödsinnige Actionunterhaltung ihr Klassenziel wenigstens auf geschmackvolle Weise erreicht.

Gradlinig geistloses Fantasy-Spektakel mit stilvollem Produktionsdesign


Flemming Schock