Hero
(Ying xiong)

China / USA, 99min
Filmspiegel-Auszeichnung
R:Zhang Yimou
B:Wang Bin, Feng Li, Zhang Yimou
D:Jet Li,
Tony Leung Chiu Wai,
Maggie Cheung,
Donnie Yen,
Ziyi Zhang
L:IMDb
„How swift thy sword”
Inhalt
China, vor über 2000 Jahren: König Qin (Chen Dao Ming) will seinen Anspruch auf die Herrschaft über ganz China gegen seine Konkurrenten durchsetzen und Kaiser werden. Seit Jahren gibt es Pläne, ihn zu ermorden. Vor allem drei Widersacher trachten ihn nach dem Leben: Broken Sword (Tony Leung Chiu-Wai), Flying Snow (Maggie Cheung) und Sky (Donnie Yen). Nach zehn Jahren, in denen es nicht gelingt, die drei zu besiegen, besucht ein Namenloser (Jet Li) den Palast und erzählt eine außergewöhnliche Geschichte.

Kurzkommentar
Zhang Yimous gezielter "Tiger & Dragon"-Verschnitt "Hero" beeindruckt durch seine immense Bildpracht und gekonnte, wenn auch abermals Seil-gestützte Martial Arts-Action. Dass er im Gegensatz zu Ang Lee um den vornehmlich actionorientierten Charakter seines Films Bescheid weiß, macht "Hero" zu einem ehrlicheren Film, dass er hingegen die Entstehung Chinas scham- und kritiklos für seinen fiktionalen Kontext nutzt, verursacht Magenverstimmungen.
Kritik
Der Erfolg von "Crouching Tiger, Hidden Dragon" machte den rein-asiatischen Martial Arts-Film in den USA endlich massentauglich. Im kulturscheuen Amerika eine kleine Sensation - und eine fragwürdige. Denn wo der heimische Markt bei der Oscar-Verleihung 2001 keine "echten" Meisterwerke zu bieten hatte (es gewann der naheliegendste: "Gladiator"), musste ein ausländisches Produkt ran, um den amerikanischen Durst nach "Kinokunst" zu stillen. Aber in Sachen Amerikanisierung ist Hollywood gar nichts peinlich und so wurde bei der Oscar-Verleihung eine -nach amerikanischem Empfinden- "kulturell wertvolle" Show geboten, in denen klischeehaft-chinesisch gekleidete Artisten verzweifelt versuchten, chinesischen Mythos in eine von Cello-Klängen begleitete 5min-Performance zu quetschen. Das war der vorläufige Höhepunkt, dem "einfachen" Amerikaner ausländische (Film-)Kultur näherzubringen und kulturell peinliche Promotion.

Aber was zählt, ist natürlich die Kasse und da hat "Tiger & Dragon" ordentlich abgesahnt. Mit knapp 128 Mio.$ Einspielergebnis gehört der Streifen zu den erfolgreichsten ausländischen Produktionen in den Staaten überhaupt. Wer kann es Miramax-Guru Harvey Weinstein da verübeln, noch mehr derartiges in die Lichtspielhäuser bringen zu wollen? So investierte er in ein ähnliches Projekt, das sich in China soeben in der Entwicklungsphase befand: "Ying xiong", übersetzt "Hero", die bislang teuerste, chinesische Produktion aller Zeiten (umgerechnet 30 Mio.$). Und wo das für chinesische Verhältnisse immense Budget geblieben ist, erkennt man sofort, wenn man nur mal einen Blick auf Cast&Crew wirft: darstellerisch hat man mit Jet Li, Tony Leung und Maggie Cheung aus "In the Mood for Love" und Zhang Ziyi aus dem großen Vorbild "Tiger & Dragon" so ziemlich die Crème de la Crème des asiatischen Kinos eingekauft. Aber auch die restliche Crew ist mehr als beeindruckend: Produzent William Kong und Komponist Tan Dun wurden direkt aus "Tiger & Dragon" übernommen, Kameramann Christopher Doyle tauchte schon "In the Mood for Love" in satte Bilder und Zhang Yimou gilt als einer der angesehensten Regisseure Chinas überhaupt. Zusätzliche ironische Note: ursprünglich sollte Jet Li die Rolle von Chow Yun-Fat in "Tiger and Dragon" spielen, hat dann aber abgesagt, um "Romeo must die" drehen zu können.

Bei aller finanzieller Opulenz sei gesagt: dem Ergebnis sieht man sein Budget mehr als an. "Hero" ist von einer visuellen Wucht, die ihresgleichen sucht. Jede Szene ist gezielt symmetrisch, farblich durchdacht, mit großer Sorgfalt inszeniert. Sei es ein Kampf vor düstergrauem Himmel, in herbsttönigem Blätterrausch oder vor imposanter Wüstenkulisse. Doyles Kamera fängt alles nahezu perfekt ein, Yimou genießt die Bilder unter vermehrter Verwendung der Zeitlupe, auch Tan Duns Musik schwelgt üppig mit. Die Choreographie ist trotz der Vielzahl der Kämpfe abwechslungsreich und fliessend, die Martial Arts-Fähigkeiten aller Protagonisten ebenbürtig beeindruckend - auch wenn erneute Diskussion um den Einsatz der Wire-Technik aufkeimen dürfte, die hier wie selten zuvor überflüssig und störend wirkt.

Das wichtigste, was man über "Hero", gerade im (unvermeidbaren) Vergleich zum großen Vorbild "Tiger & Dragon", sagen kann, ist jedoch, dass hier nicht versucht wird, eine persönliche Geschichte episch aufzublähen und Zhang Yimou im Gegensatz zu Ang Lee genau weiß, dass er hier eher Stoff für einen Actionfilm und nicht für ein großangelegtes Drama vor sich hat. Zwar verknüpft sein Skript fiktionalen Stoff mit chinesischer Geschichte und bringt den so unvermeidbaren, epischen Charakter in seinen Film. Es nutzt diesen aber lediglich für die Hintergrundgeschichte und spielt ihn nicht in den Vordergrund. So inszeniert Yimou "Hero" vornehmlich als reinrassigen Actionfilm, der nur zum Ende hin zunehmend von dramaturgischen Wendungen unterbrochen wird. Das ist gut und eine ehrliche Entscheidung, denn so kann er sich ganz auf sein vorzügliches Handwerk konzentrieren und jegliche Art falschen Anspruchs vermeiden.

Dennoch verliert "Hero" während seiner knappen Laufzeit viel an Drive und Regisseur Yimou muss letztendlich eingestehen, seiner Actiongeschichte nicht sonderlich viel Substanz abgewinnen zu können. Sein Rückblenden- und Perspektivenkonstrukt ist für diese Art Actionfilm eine treffende Wahl, jedoch sollte man sie nicht mit dramatischer Brillanz gleichsetzen. Auch Yimous Skript versucht nur, jeden der vier mächtigen Attentäter möglichst glaubwürdig zu einem One-on-One zu zwingen und -trotzdem es ihm größtenteils gelingt- verliert sich phasenweise in gezwungen Konstruktionen. So etwa, wenn der Namenlose zwischen Broken Sword und Flying Snow Eifersucht säen möchte oder manche Schwerthiebe nur verletzend, andere hingegen tödlich wirken. Auch die tragische Liebesgeschichte muss Yimou noch auskosten, egal ob sie glaubwürdig begründbar ist oder nicht.

Einer höheren Wertung beraubt sich "Hero" aber letztlich mit seiner fragwürdigen Schlusspointe, die ausgerechnet von einem der freidenkerischsten, "rebellischsten" Regisseur Chinas stammt. Zhang Yimou, dank Filmen wie "Happy Times" und "Rote Laterne" sonst erbitterter Gegner der kommunistischen Medien- (lies: Zensur-)behörde, gibt sich plötzlich als Glorifizierer chinesischer Geschichte. Sich für ein höheres Gut herzugeben, sein eigenes Leben dafür zu opfern, das macht einen Helden aus, so das Kredo des Films. Schön und gut, aber das "höhere Gut" scheint in "Hero" darin zu bestehen, einen eroberungssüchtigen Kaiser (=Diktator) die Macht zu schenken. Dass dieser nur einer von sieben potenziellen Vereinigern Chinas ist, wird außer Acht gelassen. Es heißt lapidar: er ist der Mächtigste (und damit scheinbar auch der legitime). Der Namenlose opfert sich ebenso wie die anderen Attentäter also, damit Kaiser Qin einen Feldzug nach dem anderen starten und sechs Königreicher seiner unterwerfen kann. Das hinterlässt einen bitteren Nachgeschmack.

Großartig eingefangener, wenig dramatischer Actionfilm


Thomas Schlömer