Good Thief, The

England/Frankreich/Kanada/Irland 2002, 108min
R:Neil Jordan
B:Auguste Le Breton, Neil Jordan
D:Nick Nolte,
Gérard Darmon,
Nutsa Kukhianidze,
Tchéky Karyo
L:IMDb
„Win or loose, you gotta do ´em both with grace”
Inhalt
Bob Montagnet (Nick Nolte) ist ein Gentlemen Gauner, eine Spielernatur mit einer Vorliebe für Kunst und Rennpferde, den es auf seine alten Tage nach Südfrankreich verschlagen hat. Vom Glück und immer öfter von allen guten Geistern verlassen, treibt er in der Halbwelt von Nizza ziellos durch zwielichtige Bars und stickige Hinterzimmer. Huren, Zuhälter und Dealer sind seine ständigen Begleiter – ebenso wie eine fast schon notorische Pechsträhne, die seine letzten Ersparnisse durch seine Finger rinnen lässt. Ein letzter
grandioser Coup soll die Wende bringen. Mit seinem Freund Raoul (Gérard Darmon) und dem Computergenie Vladimir (Emir Kusturica) stellt er ein Team zusammen, mit dem er den legendären Kasino-Safe von Monte Carlo knacken will – das jedoch nur zum Schein, als Ablenkungsmanöver für einen noch viel verwegeneren Raubzug.
Kurzkommentar
Einmal mehr zeigt Neil Jordan, wie kultiviert ein Film aussehen kann. Das Remake „Der gute Dieb“ ist ein erfreulich altmodischer Einbruchsfilm ohne jede Hektik, dafür aber mit feinsinniger Atmosphäre und Dramaturgie, viel Stil und erstklassigen Darstellern. So glänzt Nick Nolte als abgerissener Zocker vor südfranzösischer Kulisse. Der geistreiche Streifen vereint Charakterstudie, Film Noir, Thriller und Komödie auf hohem stilistischem Niveau
Kritik
Er dreht nicht viele Filme, aber jeden neuen mit Bedacht. Welchen Stoff der 53-jährige Ire Neil Jordan („The Crying Game“, „The End of the Affair“) auch immer auf den Weg bringt, das Ergebnis glänzt vor allem mit Eleganz und Stil. Mangelnde inhaltliche Originalität wird souverän überspielt. Das gilt auch für „Der gute Dieb“, einen gepflegt veralteten Einbruchsthriller vor der Kulisse der Cote d´Azur. Dabei wirkt der Plot nicht ohne Grund reichlich altmodisch: Jordan verfrachtet den 1955er Klassiker „Bob le Flambeur“ der französischen Regiegröße Jean-Pierre Melville als Remake in die Gegenwart. Er setzt dabei wie eh und je besonders auf erlesene Darsteller, denen er jeden erdenklichen Raum gewährt. Und kaum jemand hätte für die aufgelockerte Charakterstudie eines sympathisch abgewirtschafteten Spielertypen eher in Frage kommen können als Nick Nolte.

Denn der schlägt sich natürlich mit vollendeter Ruiniertheit von Beginn an als drogensüchtiges Wrack Bob durch die übelsten Schuppen der Hafenstadt. Wie Nolte den stilvollen Verfall portraitiert, nie um einen Aphorismus verlegen, ist enorm. Seine leicht ironisch gezeichnete Figur bekommt auch gleich, um dem Titel Genüge zu tun, die zweifache Chance, noch aus dem Abstieg heraus eine gute Tat zu vollbringen: einem altbekannten Polizisten (bestechend dezent: Tchéky Karyo), mit dem er schon fast freundschaftlich verbunden ist, rettet er das Leben und eine Minderjährige aus den Fängen ihres Dealers. Es ist deutlich, dass das Drehbuch die Figur der jungen Anne nur zu dem Zweck installiert, um dem Zuschauer die Psyche Bobs über dessen spielphilosophischen Kommentare näher zu bringen. Aber Nutsa Kukhianidze gibt als Anne die typisch verlorene Seele eines Film Noir bemerkenswert und Nolte nebenher Raum für weitere große Szenen.

So entwickelt sich zwischen den beiden Altersantipoden ein sehenswertes Verhältnis, das von der einen Seite durch gleichgültiges Begehren, von der Seite Bobs durch altväterische Fürsorge bestimmt ist. Um dann zu seinem Sujet zu finden, schaltet der Film den Handlungsstrang des geplanten Einbruchs in den bis heute im Genre so eingefahrenen Bahnen hinzu: Raoul, Bobs alter Freund und krimineller Handlanger taucht auf, um das gaunerische Genie des Freundes aus dem selbstgenügsamen Dämmerzustand zu reißen. Nach obligatorischer Überzeugungsarbeit und nötigem Drogenentzug werden die Sehgewohnheiten des Heist-Genres lückenlos weiter bedient: von der rekrutierten, schwer bizarren Crew samt russischem Jimi Hendrix zum besten Sicherheitssystem aller Zeiten. Originalität ist hier sowie kaum mehr möglich und so liegt die Stärke von „Der gute Dieb“ darin, dass er sich Zeit nimmt, seine Handlung zu entfalten und Spannung fast beiläufig aufzubauen.

Der Zuschauer folgt den feinsinnig erzählten Vorbereitungen zum Coup in altmodisch entspanntem Zustand, und das ist es, was den Streifen so anachronistisch wie attraktiv macht. Zum gehobenen Unterhaltungswert trägt weiterhin bei, dass Neil Jordan eine natürlich tadellose Film Noir-Atmosphäre samt blauem Zigarettenrauch, verlorenen Blicken und melancholischem Musikeinsatz zaubert. Somit situiert sich „Der gute Dieb“ auch handwerklich sicher in der Oberliga. Beides, formale und inhaltliche Stimmung, verdichten sich bis zum überraschenden Finale auf elegante Weise und werden hier und dort noch von immer gewinnenden Intermezzi von Bob und seinem Freund, dem Polizisten weiter aufgelockert. Weil der Gesetzeshüter den einnehmenden Gauner nicht aus Gründen der Trophäensammlung einbuchten, sondern ihm letztlich nur helfen will, ist „Der gute Dieb“ als Film Noir im gewissen Sinne auch paradox, da er auch eine positive Grundstimmung transportiert.

Die wird gegen Ende hin sogar immer deutlicher herausgestrichen und dramaturgisch geschickt dennoch mit der Spannung austariert. Da fällt es kaum ins Gewicht, dass erwartungsgemäß alles nicht den Erwartungen entsprechend aufgeht und Bob stattdessen die zockerische Siegessträne seines Lebens erlebt. Dann hat Nick Nolte in seiner Galavorstellung auch zu viele Sympathien geerntet, um ihn am Ende wie in Melvilles Original zu Fall zu bringen. So ist die düstere Atmosphäre des Beginns ins lachende Gegenteil verkehrt. Wenn es nur um Geld geht, scheint sich ehrenhaftes Verbrechen ja zumindest im Kino auszuzahlen. Neil Jordan zeigt das auf äußert genussvolle Weise.

Stilvolle Gangstersympathie - garantiert entspannte Spannung


Flemming Schock