Ernst sein ist alles
(Importance of Being Earnest, The)

USA/Großbritannien, 97min
Filmspiegel-Auszeichnung
R:Oliver Parker
B:Oscar Wilde,Oliver Parker
D:Rupert Everett,
Colin Firth,
Frances O´Connor,
Reese Witherspoon,
Judie Dench
L:IMDb
„Das ist doch bloß metaphysische Spekulation”
Inhalt
London, Ende des 19. Jahrhunderts. Um die zwei befreundeten Gentleman-Schlawiner Jack Worthing (Colin Firth) und Algy Moncrieff (Rupert Everett) kreist die Geschichte der beiden, die viel zu sehr mit dem Charmieren und dem Erfinden von Ausreden beschäftigt sind, um allzeit ihrer Verantwortung gerecht zu werden. So soll sich Jack auf dem Lande eigentlich um seine junge romantische Nichte Cecily (Reese Witherspoon) kümmern. Er reist aber viel lieber unter dem falschen Namen Ernst nach London. Derweil nimmt Algy unablässig vor gesellschaftlichen Verpflichtungen oder Gläubigern Reißaus und gibt sich dabei auf dem Lande selbst schon mal als Ernst aus. Mit ihren Notlügen und Dampfplaudereien können die Herrschaften freilich vielleicht noch Algys rebellische Cousine Gwendolen Fairfax (Frances O'Connor) einwickeln, die sich nur zu gern von Jack (alias Ernst!) erobern lassen möchte. Doch niemand im Bunde kann Lady Bracknell (Dame Judi Dench), der mächtigen Mutter von Gwendolen, etwas vormachen.
Kurzkommentar
Viele Dinge sind ernsthaft von Dauer, so der Stil britischen Humors und die persönliche Note britischer Filme. Von Dauer ist auch Oscar Wilde. Zwei Jahre nach seiner ersten Wilde-Adaption schiebt Regisseur Oliver Parker in souveräner Manier die zweite nach. "Ernst sein ist alles" kokettiert auf lockerste Weise mit Gesellschaftskritik und Verwirrung stiftender Langweile in der Londoner High Society im ausgehenden 19. Jahrhundert. Dass der vor Wortwitz berstende Film mit seinen luftblasenartigen Figuren ein wenig zu seicht wirkt, stört kaum.
Kritik
Man muss scheinen, weniger sein. Gesellschaft und öffentliches Auftreten sind reiner Etikettenschwindel, das wusste wohl niemand besser als Oscar Wilde. Zu seiner Zeit, gegen Ende des 19. Jahrhunderts, war gerade das englische Klassenbewusstsein in der High Society peinlichst versteift, fast grotesk. Das kommentierte Wilde in seinen Bühnenstücken mit spöttischem Biss. Um Bonmots war er nie verlegen. "The importance of being Earnest", ein locker pointiertes Verwirrspiel gelangweilter Dandys, wurde wohl seine populärstes Satire. Verfilmt wurde sie bisher einmal, und das liegt fast 50 Jahre zurück.

Da Klassiker eben ihren Namen verdienen, weil sie nicht gelesen, sondern lieber gesehen werden, folgt nun die zweite Umsetzung. Immerhin von keinem Niemand, denn für Regisseur Oliver Parker ist es bereits den zweiten Wilde-Stoff, den er auf die Leinwand bringt. Vor ungefähr zwei Jahren glückt es mit dem "Perfekten Ehemann", dem zweifellos ernsterem Gesellschaftskommentar von Wilde. Parker, der auch das Drehbuch schrieb, bewies stilsichere Hand, alles wirkte erfreulich britisch und überhaupt ziemlich zivilisiert. Gerade auch wegen der Besetzung. Rupert Everett gab den narzistischen Zyniker in Formvollendung, und da Wilde-Satiren ähnliche Atmosphären haben, ist Everett auch jetzt wieder im Zentrum.

Dort steht er allerdings nicht allein, denn Parker verfolgt eben das Rezept, was die Qualität der Entstaubung britischer Klassiker in letzter Zeit ausmacht: intelligenter Witz, vertreten von einem Spitzenensemble. So glänzte Frances O´Connor unlängst in der Jane Austen-Verfilmung "Mansfield Park". Nicht nur sie konnte Parker gewinnen, sondern auch die begnadete Judi Dench, die zuletzt in "Iris" bestach. Das und die Souveränität des Regisseurs sind im Grunde schon Garanten für kultivierte Unterhaltung. Sie wird dann auch eingelöst, selbst schon handwerklich. Trotz des relativ geringen Budgets sind Kostüme und Ausstattung vom Feinsten.

Das gilt auch für die Inhaltsseite. Auch wenn die satirische Überzeichnung des Gesellschaftsbilds heute modrig daherkommt, schafft es der Theaterregisseur Parker doch, einen schwer unterhaltsamen Film vorzulegen. Er dreht sich als scherzhaft leichte Komödie mehr um Szenen als um einen großen Plot. So ist die Geschichte zweier dekadenter Lebemänner und ihrem "ernsten" Alter Ego eigentlich nur Taktgeber für den Sprung von einem geistreichen Wort zum Nächsten. Und da diese von Wilde stammen, sind die Dialoge messerscharf und die Akteure schlagfertig wie selten. Die Farce über lächerlichen Standeshabitus und soziales Rollenspiel wird so zum reinsten Theater der Eloquenz. Es macht Spaß, weil es so schrecklich geistreich ist.

So spielt man sich in eleganter Selbstgefälligkeit die nicht endenden Bonmots zu. Grandios tun das alle, und besonders Judi Dench. Mit kühl versteinertem Gesicht mimt sie die ätzende Upper-Class-Furie mit verheerendem Standesbewusstsein. In Wildes Sinne gerät sie zur gelungenen Karikatur. Darin erledigt sich die Gesellschaftskritik dann allerdings auch. Denn das Finale bringt zwar erst den Höhepunkt der Verwicklungen, aber lasch wirkt es dennoch. Das dürfte auch bei aller lockeren Kultiviertheit der einzige Kritikpunkt sein: dass sich alles wie die perfekteste Gesellschaftsinszenierung abspult, glatt, ohne irgendwie unter die Oberfläche zu dringen. Weitgehend skizzenhaft bleiben auch die Rollen, doch wer hätte, wenn das öffentliche Sein nur formalisiertes Spiel fordert, schon anders erwartet.

Was um die Jahrhundertwende die Gemüter erregt hat, kommt hier in der Summe pflegeleicht und nie fesselnd daher. Kino, das haften bleibt, ist "Ernst sein ist alles" nicht. Aber trotz dieser Kritik gelingt es Parker zum zweiten Mal, Wildes genial schwarzhumorige Bespiegelung eines blasiert sinnentleerten Standesklimas glücklich auf die Leinwand zu retten. Dass jedem der Beteiligten der Dreh (geistreichen) Spaß machte, ist sichtbar. Der Funke springt über. Britischer Flair und Humor bewähren sich hier also erneut. Selbst mit über hundertjährigem Rost.

Wortgewaltig spaßige Gesellschaftsfarce mit brillianter Besetzung


Flemming Schock