Seabiscuit - Mit dem Willen zum Erfolg
(Seabiscuit)

USA, 140min
R:Gary Ross
B:Laura Hillenbrand,Gary Ross
D:Tobey Maguire,
Jeff Bridges,
Chris Cooper,
Elizabeth Banks,
William H. Macy
L:IMDb
„Man wirft doch nicht ein ganzes Leben weg, nur weil es ein bisschen beschädigt ist”
Inhalt
Die wahre Geschichte einer amerikanischen Legende: Charles Howard (Jeff Bridges), Fahrradmechaniker und Besitzer des Arbeitspferdes Seabiscuit, schlägt sich durch die harten Jahre der Weltwirtschaftskrise. Zusammen mit dem halbblinden Ex-Preisboxer Red Pollard (Tobey Maguire) und dem eigensinnigen Tom Smith (Chris Cooper) will er gegen die schlechte Stimmung im Land kämpfen und plant aus seinem unscheinbaren Vierbeiner einen Star zu machen. Vier Jahre harte Arbeit liegen hinter ihm, als das Unmögliche wahr wird: Seabiscuit gewinnt ein Rennen nach dem anderen - ganz Amerika verfolgt seinen spektakulären Siegeszug im Jahr 1938, als er zum Rennpferd des Jahres gekürt wird.
Kurzkommentar
Was sich in den Trailern als pathetisches Melodram ankündigt, wird bei Regisseur Gary Ross („Pleasantville“) überraschend zur kleinen Geschichtsstunde, die das Gefühl einer Nation und ihrem Durst nach Heldentaten, seien sie auch lediglich sportlicher Natur, einfangen möchte und das in manchen Momenten auch wunderbar umsetzt. An seinen Figuren hat er hingegen kaum Interesse und lässt sie charakterlich –trotz einer üppigen Laufzeit von knapp 140min– stagnieren. Das Missverhältnis zwischen kollektiver und einzelner Bewusstseinserörterung nimmt „Seabiscuit“ jedenfalls viel von seiner potenziellen Kraft.
Kritik
Wenn es einer Nation nicht gut geht, braucht sie Helden. Und wenn sie gar völlig am Boden zerstört ist, darf das auch ein Pferd sein.

So in etwa könnte die Moral von der Geschicht’ lauten, die uns Regisseur Gary Ross mit „Seabiscuit“ auftischt. Trotzdem Trailer und bisherige Filme des Genres die Erwartung provozieren, in „Seabiscuit“ gehe es um einen verarmten Jockey, der in den 30ern mit seinem unterschätzten Pferd gegen jede Skeptiker antrat und zu einem der erfolgreichsten „Duos“ der Renngeschichte wurde, legt Ross seinen Streifen überraschend anders an. Im Vordergrund steht das Gefühl einer Nation, die nach märchenhaftem Aufstieg in den Wohlstand den Zorn des Kapitalismus spüren musste und beim großen Börsencrash von 1929 angeschlagen in der Gosse landete. Einer Nation, die, auch aufgrund ihrer Überheblichkeit, zu der harten Erkenntnis gelangen musste, dass das titelgebende Motto „Mit dem Willen zum Erfolg“ eben nicht jedermann zur Erfüllung des „amerikanischen Traums“ führen wird. Die Realität schien die meisten Menschen eingeholt zu haben, Millionen saßen ohne Job auf der Straße.

Ross vermittelt uns dies, indem er uns in regelmäßigen Abständen Schwarz/Weiß-Photographien aus den 30er Jahren vorführt und einen als eigentliche Filmfigur nicht vertretenen Erzähler aus dem Off die wichtigsten, historischen Details benennen lässt. Das haben ihm manche Kritiker als Phantasielosigkeit und gesteigerte, emotionale Distanz zu den Figuren vorgeworfen. In Wahrheit bezweckt er jedoch die Einbeziehung des erwähnten Nationalgefühls, welches ihm insgesamt gar wichtiger ist als die in der ersten Stunde noch mühevoll eingeführten Figuren. Wenn die Rennen beginnen, entwickelt er neben der Erfassung der angespannten Figuren auch immer ein Gefühl für das tosende Publikum, die gierigen Journalisten und die zujubelnden Fans. Und am vermeintlich „wichtigsten“ Punkt des Films, dem Start des entscheidenden Rennens gegen „Erzfeind“ Samuel Riddle, blendet er gleich ganz weg und erfasst stattdessen leise und ein bisschen melancholisch die unzähligen, „einfachen“ Arbeiter der Nation, die vor ihren Radios sitzen und voller Anspannung mit dem Pferd fiebern, welches symbolisch schon fast für ihr komplettes Lebensgefühl steht: der Außenseiter, der gegen die große Aussichtslosigkeit antreten muss.

In diesen Momenten und auch bei der finalen Szene erreicht Ross mit „Seabiscuit“ eine von sympathischem Pathos getragene Universalität seiner Geschichte und erreicht genau den märchenhaften Charme, den bereits sein Regiedebüt „Pleasantville“ so angenehm naiv gestaltet hat. Leider bleibt er was sein primäres Ziel angeht insgesamt aber zu inkonsequent und schiebt das Schicksal seiner Figuren in vielen Minuten beinahe störend in den Vordergrund. Ross möchte, was prinzipiell zu begrüßen ist, zu jedem seiner Charaktere eine ausführliche Vergangenheit präsentieren, möchte neben dem ausgesetzten Red Pollard sowohl die Einsamkeit des Trainers Smith als auch den verletzten Howard ausreichend einführen, sogar „Seabiscuit“ selber eine Vergangenheit geben und eben die komplette Nation erfassen. Damit übernimmt er sich, denn trotzdem die erste Stunde des Films feine Details aufweist und durchaus unterhaltsam bleibt, ist das zuviel Stoff für den Kern der Geschichte und zu ausgiebig präsentiert. Etwas mehr narratives Geschick bei der Verwebung der Schicksale hätte dem Streifen aber auch deshalb gut getan, weil er vielleicht eine feinere Ausbalancierung des Kollektiv- und Einzelschicksals erlaubt hätte.

Und dass Ross an seinen Figuren nicht wirklich interessiert ist, erkennt man einerseits an so großen erzählerischen Lücken wie der fehlenden Schilderung vom Schicksal der Familie Pollard, die (diese Intention war zumindest zu spüren) ihren Sohn ja vor allem aus finanziellen Gründen in die Obhut des Rennstall-Besitzers gegeben haben und nicht aus völliger Verantwortungslosigkeit und Abneigung. Zum anderen erkennt man es daran, dass keiner seiner Charaktere irgendeine Art von Entwicklung durchmacht: „Seabiscuit“-Besitzer Howard, charismatisch dargestellt von Jeff Bridges, ist von Anfang bis Ende die verhinderte, aber ungemein gutmütige Vaterfigur, Pferdeflüsterer und Marlboro-Man Smith, ebenso großartig erfasst von Chris Cooper, immerfort der kauzige, aber willensstarke Lone Rider und selbst Jockey Red Pollard –dem man noch am ehesten die Funktion der Hauptfigur zuordnen würde– bleibt fortwährend ebenso kämpferisch wie cholerisch. Am ehesten kann man angesichts dieser Stagnation noch Seabiscuit selbst eine Art Entwicklung zusprechen, denn dieser bekommt im Laufe des Films seine grenzenlose Wut immerhin noch unter Kontrolle und wird zum echten „Teamspieler“.

Diese Unentschlossenheit ist es schließlich, die dem Film viel von seiner Kraft raubt: um am Schicksal der Figuren wirklich Anteil nehmen zu können, bleiben sie zu distanziert, um die Stimmungslage der Nation emotional vollständig erfassen zu können, wird ihre Schilderung zu häufig von den stagnierenden Einzelschicksalen durchbrochen. Dadurch erreicht „Seabiscuit“ nie die Dichte, die er handwerklich –vor allem die Photographie betreffend– mühelos erreicht hätte. War Seabiscuit seinerzeit zu klein und Red Pollard zu groß, bleibt Regisseur Ross dazwischen.

Üppig gestaltetes Melodram zwischen Zielstrebigkeit und Unentschlossenheit


Thomas Schlömer