Spider

USA, 98min
R:David Cronenberg
B:Patrick McGrath,
D:Ralph Fiennes,
Miranda Richardson,
Gabriel Byrne,
Bradley Hall
L:IMDb
„You murdered my mum!”
Inhalt
Dennis "Spider" Cleg (Ralph Fiennes) kehrt nach der Entlassung aus einer psychiatrischen Anstalt wieder in das Wohnviertel seiner Jugend zurück. Die Bezüge zur Vergangenheit wecken dunkle Erinnerungen an den Mord an seiner Mutter, die ihn in den völligen Wahnsinn zu treiben beginnen.
Kurzkommentar
»Spider« ist fast schon uncharakteristisch für Cronenberg: Relativ ruhig, weitgehend frei von optischem Ekel, weniger analytisch. Zugleich jedoch fehlt dem Film eine zwingende Notwendigkeit, und im Vergleich mit ähnlich angelegten Filmen wirkt »Spider« etwas zu unkonzentriert.
Kritik
Eigentlich haben Filme wie »Spider« eine eigene Kategorie: Es sind Filme, die niemals darauf angelegt waren, große Meisterwerke zu sein, sondern die eher der Erholung des Regisseurs dienen, so wie beispielsweise »Chungking Express«, gedreht von Wang Jiawei nach beziehungsweise während seines Mammutprojektes »Ashes of Time«, als eine Art filmische Erholung, eine cineatischer Lockerungsübung. Den gleichen Eindruck erweckt auch »Spider«: Weniger exzessiv, weniger pointiert und etwas kraftloser als sonstige Cronenberg-Filme. Allein: Es fehlt eigentlich das vorangegangene Mammutwerk. Vielleicht ist »Spider« aber auch der Versuch Cronenbergs, endlich in die seriöse Liga aufzusteigen. Denn auch seine letzten Filme, »Crash« und »eXistenZ« wurden das Trash-Etikett noch nicht recht los. Vielleicht hat sich Cronenberg deswegen den Roman von Patrick McGrath als Vorlage ausgesucht, seinen üblichen gespenstischen Biologismus, gerne exerziert durch allerlei insektiode Elemente, deformierte Körper oder fötenähnliche Gebilde, weitgehend zurückgenommen und eine relativ direkte, geradlinige Geschichte erzählt.

Recht gekonnt erzeugt Cronenberg die düster-unangenehme Stimmung des Filmes, die sowohl den heruntergekommenen, schäbigen Industrieort als auch Clegs (Ralph Fiennes) Inneres treffend einfängt. Nach der Entlassung aus der Psychiatrie kehrt Cleg zurück in die Gegend, in der er aufgewachsen ist, und das ruft natürlich alte, von seiner Schizophrenie geprägte Erinnerungen wach: Allen voran den Mord an seiner Mutter, den sein eigener Vater nur deshalb begeht, um eine schäbige Nutte mit nach Hause bringen zu können. Doch ähnlich wie in »A Beautiful Mind« wird dem Zuschauer schon bald bewußt, dass man den Wahrnehmungen und Erinnerungen eines Schizophrenen nur bedingt trauen kann. Cleg spinnt ein alptraumhaftes Netz aus traumatischen Erinnerungen, ein Netz jedoch, dass die fragmentarischen Bezüge zur Realität zusammenhält und ihm gewissermaßen die Verbindung zur Wirklichkeit sichert.

Cronenberg wäre nicht Cronenberg, würde er den Film nicht mit seiner eigenen Handschrift ausstatten: Beispielsweise die traumatisch-schockhafte erste Bekanntschaft des jungen Dennis mit Sexualität. Wiederholt wird dieses Motiv in dem freilich etwas abgedroschenen Kontrast zwischen der madonnenhaften Mutter und der verdorbenen Prostituierten, der neuen Geliebten seines Vaters. Auch andere Motive sind ein wenig zu offensichtlich: So beispielsweise Clegs Unfähigkeit ein (reales) Puzzle zu beenden als Referenz auf seinen Geisteszustand. Dem gegenüber stehen dann wieder eindrucksvolle Szenen, etwa die Eingangssequenz, die Cleg bereits charakterisiert, noch bevor er für den Zuschauer sichtbar wird.

Cronenberg gibt sich in »Spider« weder der traumhaft-surrealistischen Bilderflut eines David Lynch (die hier gut gepasst hätte) noch seiner sonst fast sezierenden Betrachtung hin. Manchmal erscheint der Zugang eher poetisch; die Komposition der Bilder und deren Arrangement in den Erinnerungssequenzen erwecken einen solchen Eindruck. Jedoch ist »Spider« hier nicht kraftvoll genug, was auch an der teilweise absehbaren Handlung liegt. Die Schlußwendung drängt sich alsbald auf, zudem haben anderen Filme (die nun, um nicht alles vorweg zu nehmen, nicht namentlich genannt seien) hier konsequentere und beeindruckendere Umsetzungen gefunden. Fast schon ein wenig ungeduldig wirkt Cronenberg am Ende, als direkt nach der finalen Auflösung der Abspann über die Leinwand rollt.

Sehenswert ist »Spider« aber auf jeden Fall wegen seiner hervorragenden Darstellerleistungen. Zum einen Ralph Fiennes, der nicht umsonst auf vergleichbar düstere und verstörende Rollen abonniert zu sein scheint, und zum anderen Miranda Richardson in ihrer Doppelrolle als Mutter und Geliebte. Nach eineinhalb Stunden schließlich mögen sich nicht wenige Zuschauer die Frage stellen, weshalb Cronenberg diesen Film gedreht hat. Als Episode seiner Exzess/Obsessions-Filme fällt er zu milde aus, als Charakterstudie zu flach, als dramaturgisches Puzzle zu wenig zielstrebig, als Geschichte um der Geschichte willen zu belanglos. Diese Ziellosigkeit wird »Spider« zum Verhängnis, obwohl er gerade durch Stimmung und sehr gelungene Darstellerleistungen überzeugen kann.

Ruhiger Cronenberg-Film ohne den rechten Antrieb


Wolfgang Huang