Matrix - Revolutions
(Matrix Revolutions, The)

USA, 129min
R:Larry Wachowski, Andy Wachowski
B:Andy Wachowski, Larry Wachowski
D:Keanu Reeves,
Laurence Fishburne,
Carrie-Anne Moss,
Hugo Weaving
L:IMDb
„Hast du dich verirrt, Neo?”
Inhalt
Während Trinity den im Koma liegenden Neo bewacht, muss Morpheus die Erkenntnis verarbeiten, dass der Eine, auf den er seinen Glauben, sein gesamten Leben gesetzt hat, auch nur ein weiterer Kontrollmechanismus ist, den sich die Architekten der Matrix ausgedacht haben. Verzweifelt versuchen derweil die Zion-Soldaten mit Hilfe mutiger Zivilisten wie Zee und Kid die Invasion der Wächter zu stoppen, die sich schier unaufhaltsam in ihre Festung bohren. Angesichts der drohenden Katastrophe kämpfen die Bewohner der letzten menschlichen Bastion nicht nur um ihr eigenes Leben, sondern um die Zukunft der gesamten Menschheit. Was sie nicht wissen können: Ihre Kräfte werden von innen unterminiert. Das außer Kontolle geratene Programm Smith spannt das Hovercraft-Besatzungsmitglied Bane auf clevere Weise für seine Zwecke ein. Je mehr Zeit vergeht, desto mächtiger wird Smith – nicht einmal die Maschinen können ihn mehr im Zaum halten, und schon bald droht er damit, nicht nur die reale Welt und die Matrix, sondern auch das Maschinenimperium zu vernichten.
Kurzkommentar
Mit dem dritten Teil der Matrix setzt sich die mit »Reloaded« begonnene Demontage des Mythos fort. Im Vergleich zum zweiten Teil ist »Revolutions« in allen Bereichen schwächer: Die Story ist dürftiger, die Effekte magerer und der Coolness-Faktor geringer. Am Schlimmsten: Teil 3 belegt, dass die inhaltliche Aufladung des zweiten Teils eine einzige große Hohlnummer ist.
Kritik
Das Problem mit back-to-back-Sequels ist, das sie sich zu sehr gleichen - kein Wunder, wenn man bedenkt, dass sie gewissermaßen gleichzeitig gedreht werden. So gibt es nur wenige Möglichkeiten, aus den Fehlern des vorangegangenen Teils zu lernen. Besonders gravierend wird dieser Nachteil, wenn die Konstruktion der Filmfolge, hier der Trilogie, auf Steigerung ausgelegt ist. Der erste Teil der Matrix-Trilogie stellte einen enormen Schritt nach vorne dar, gemessen an seiner Konkurrenz: Bisher nicht da gewesene Effekte, eine überdurchschnittlich clevere Story, die gezielte und gelungene Durchsetzung mit teils gar philosophischen, existenziellen Fragen, die auch Filmen wie »Blade Runner« oder »Alien« höhere Weihen über das reine Action-Kino hinaus zu Teil werden ließen; nicht umsonst diskutiert man auch noch zwei Jahrzehnte später über diese Filme.

Die Erwartungen an einen zweiten Sprung nach vorne wurden mit dem zweiten Teil denn auch eher enttäuscht. Immerhin: Die Action fiel noch bombastischer aus, auch der (philosophische) Überbau wuchs, auch wenn viele Zuschauer Zweifel an dessen Gehalt und Konsistenz anmeldeten. Nichtsdestotrotz bot das Räsonieren der Filmfiguren über die Abhängigkeit, ja die Verquickung von Mensch und Maschine, die Fragen nach Kausalität und damit nach der Determination menschlicher Existenz und die über allem stehende Frage der Entscheidungsfreiheit des Gewissens angesichts der mathematischen Formelhaftigkeit der Realität reichlich Raum, die Matrix-Welt nach eigenem Gusto und Vermögen philosophisch aufzuladen und zu überhöhen. Dass die Grenze zu jenem Zeitpunkt schon überschritten war, hätte ein ausgeklügelter dritter Teil vielleicht noch ausgleichen können. Es ergibt sich also die paradoxe Situation, dass die Qualität eines Teils von der Qualität der anderen Teile abhängt: Werden die im zweiten Teil aufgeworfenen Fragen im dritten Teil angemessen beantwortet, so gewinnen beide Filme - und umgekehrt. Verstärkt wird dies durch den Faktor, dass die beiden letzten Teile ja auch tatsächlich als ein Film konzipiert sind. Schon aus rein dramaturgischen Gründen dürfte man zudem erwarten, das das ganze Effekt-Feuerwerk nicht bereits im ersten Teil des Doppels abgebrannt wird, sondern eine kontinuierliche Steigerung stattfindet.

Doch all diese Überlegungen erweisen sich als müßig: Der dritte Teil erscheint als eine Art nachgeschobenes, etwas gezwungenes Ende des zweiten Teils. Wirklich unverständlich bleibt jedoch, gerade angesichts der Tatsache, dass die Filme direkt nacheinander gedreht wurden, dass sich der Film sowohl im Bereich der Schauwerte als auch in der Handlungsfortführung als schlechter als sein Vorgänger erweist:
Die erste größere Action-Sequenz im Club Hell ist eine mehr als müde Reprise auf die Lobby-Szene des ersten Teils. Gleiches Muster, und - zugegebenermaßen - eine gesteigerte Komplexität der Kampfszenen, doch dass die Figuren nun statt an den Wänden auch an der Decke herumlaufen, ist nun wirklich keine darstellenswerte Innovation. Schon hier zeichnet sich ab, dass das Konzept der wandelbaren physikalischen Gesetze innerhalb der Matrix sich totläuft. Was im ersten Teil als revolutionär erschien, ist hier schon Standard; eine weitere Drehung der Szenerie um 90° hilft da auch nicht weiter.
Die Verteidigung Zions ist in der Tat eine bombastische Angelegenheit, und man muss dem Film zugestehen, das es bisher noch keine Ballerorgie in dieser Komplexität und Qualität im Kino gab. Für offene Münder sorgt hier allerdings auch nichts: Das menschliche Gehirn hat die Arbeitsweise digitaler Effekte wohl inzwischen soweit internalisiert, dass die reine Verdoppelung der Gegner bzw. Effekte keinen gesteigerten Reiz mehr mit sich bringt. Hundertausend Wächter sind auch nicht beeindruckender als zehn, und das gleiche gilt für Explosionen, Kugeln und Leichen.
Gleiches gilt leider auch für den Schlußshowdown, der wie die Kampfszene im Club Hell eine direkte Wiederaufnahme aus dem ersten Teil ist. Noch mehr visuelle Gewalt, noch weniger physikalische Gesetze, einfach mehr Gekloppe. Und: Angesichts der finalen Auflösung erscheint der Kampf auch logisch irgendwie unnötig.

Weit desaströser auf die Konsistenz der Trilogie wirkt sich jedoch aus, das all die im zweiten Teil angedeuteten Komplexitäten wie etwa der kontrollierte Zusammenbruch und Reboot der Matrix, die mehrfache Vernichtung und Wiedererrichtung Zions samt wiederkehrender Erlöserfigur, die sich gegenseitig bedingende Existenz von Mensch und Maschine und die zu treffende Wahl zwischen dem Leben Trinitys und der Rettung der Welt im dritten Teil ohne Bedeutung sind. Während die ersten angedeuteten Themenkomplexe schlicht nicht mehr auftauchen, wird Neos Entscheidung in der Kammer des Architekten komplett auf den Kopf gestellt. Von einem drohenden Ende der Welt ist weit und breit nichts zu sehen, allein Zion ist in Gefahr - aber das war es bereits vor Neos Entscheidung. Es ist wirklich erstaunlich, mit welcher Hartnäckigkeit das Drehbuch die mühsam aufgeworfenen Fragen ignoriert. Wohlgemerkt, nicht süffisant unbeantwortet läßt, sondern sie einfach vergisst. Des Architekten ausufernde Philosophiererei im zweiten Teil wird gegen Ende hin schließlich auf einen derart simplen Antagonismus verkürzt, dass der ganze Überbau wieder einstürzt: Es ist das altbewährte Konstrukt vom Kampf von Gut gegen Böse. Christ und Antichrist, existenzielle Gefahr und Erlösung. Den Architekten hätte man dazu nicht gebraucht, dessen Auftritt im Film wirkt denn auch eher wie eine Verhöhnung der ganzen mühsam gesponnenen Komplexität, wie ein bösartiger Scherz der Wachowskis.
Auch das völlige Fehlen einer Erklärung zahlreicher Phänomene, etwa die Wandlung Smiths, die seltsame Existenz Neos oder der Sinneswandel der Maschinen desillusioniert den Zuschauer, der auf ein geniales Ende gehofft hatte, weiter. Eine spannende Frage gezielt offen zu lassen, wie es mit einer perversen Brillianz etwa »Cube« tat, hat seinen ganz eigenen Reiz. Eine komplexe, vor Fragen nur so strotzende filmische Realität zu entwerfen und dann alle Antworten schuldig zu bleiben, hat keinen. Es drängt sich doch der wohl nicht unbegründete Verdacht auf, das die gesamte inhaltliche Diskussion angesichts jeden Mangels an inhaltlicher Substanz vergebens ist; die Wachowskis sind eitle Blender.
Technisch bleibt der Film in seiner visuellen Tricktechnik weiterhin einzigartig, doch der Mythos ist endgültig entzaubert. Und es wird sich wohl als treffend erweisen, was auch der für die digitalen Effekte der Matrix zuständige John Gaeta selbst konstatierte: Man sieht sich satt an den Effekten. Wenn das tatsächlich eintritt, bleibt von den beiden letzten Teilen der Matrix-Trilogie wenig übrig. Ein dauerhafter Eingang in den gesellschaftlichen Diskurs, wie ihn andere Science-Fiction-Filme wie »Blade Runner« oder »2001 - A Space Odyssey«, erreicht haben, dieser Eingang in das kulturelle Gedächtnis erscheint eher unwahrscheinlich. Das Finale der Trilogie versagt auf ganzer Linie - das aber immerhin auf hohem Niveau.

Desillusionierend schlechter Abschluss des Effektspektakels


Wolfgang Huang