Matrix - Reloaded
(Matrix Reloaded, The)

USA, 138min
R:Andy Wachowski, Larry Wachowski
B:Andy Wachowski, Larry Wachowski
D:Keanu Reeves,
Laurence Fishburne,
Carrie-Anne Moss,
Hugo Weaving,
Matt McColm
L:IMDb
„Ich hatte einmal einen Traum. Dieser Traum wurde nun zerstört.”
Inhalt
Nur noch wenige Stunden bleiben, bis die letzte Zufluchtsstätte der Menschen von 250.000 Wächtern angegriffen wird, die laut Programmierung alles menschliche Leben vernichten sollen. Doch die Bewohner von Zion haben Hoffnung geschöpft: Morpheus (Laurence Fishburne) überzeugt sie, dass der Erwählte die Prophezeiung des Orakels erfüllen und den Krieg gegen die Maschinen beenden wird. Die Menschen glauben an Neo (Keanu Reeves), der von beunruhigenden Visionen heimgesucht wird, während er zugleich versucht, Zion zu retten.
Kurzkommentar
"Matrix - Reloaded" ist die Art von Science-Fiction Film, die in dreißig Jahren ob seiner eindeutig technischen Orientierung immens gealtert wirkt und belächelt wird. Die Wachowskis verlieren eindeutig die Balance zwischen Stil und Inhalt, vermögen es noch nicht mal, sie wenigstens so zu vermischen, dass sie ein kohärentes Ganzes bilden. Das, die Demythologisierung ihres eigenen Universums, eine schwache Dramaturgie und, man muss auch das formulieren, größtenteils öde, uninspirierte Actionszenen könnten der kompletten Trilogie ihre Kraft nehmen - sofern der abschließende Teil die inhaltlichen Mängel nicht noch glatt bügelt.
Kritik
Dass es eine undankbare Aufgabe ist, den zweiten Teil einer Trilogie so zu inszenieren, dass er weder unkathartisch noch lose wirkt, musste in den vergangenen Monaten bereits Peter Jackson mit "Herr der Ringe - Die Zwei Türme" feststellen. Trotzdem er sich redlich bemühte, der erzählerischen Wucht seiner Vorlage gerecht zu werden ohne aufs spektakuläre Blockbuster-Kino zu verzichten, hatte auch das Mittelstück seiner Filmtrilogie so seine Probleme, sich gleichzeitig abgeschlossen und offen zu präsentieren. Dennoch konnte sein Spannungsbogen überzeugen, was ihm, anders bei einer mehr oder weniger losen Fortsetzung wie etwa "X-Men 2", vor allem gelang, weil sein Projekt in einem durchgeplant und verfasst wurde.

Die Wachowski-Brüder, deren "Matrix"-Erfolg vor vier Jahren keineswegs selbstverständlich schien und die sich, ähnlich George Lucas beim ersten "Star Wars", ein verhältnismäßig kleines Hintertürchen für eine Fortsetzung offen liessen, haben es da schon schwerer. Logisch auf etwas aufzusetzen und sogleich spannend als auch kohärent zu bleiben ist weit schwieriger, wenn die Trilogie nicht von vorneherein durchdacht wurde. Und trotzdem die Marketing-Abteilung von Warner Brothers anderes behauptet, sind hier Zweifel erlaubt. Aber durchdacht oder nicht, Fakt ist, dass "Matrix - Reloaded" das Sujet seines Vorgängers aufs Schärfste ad absurdum führt und vor dramaturgischen Fehltritten nur so strotzt.

Der größte Fehler des Films ist (abseits der Tatsache, dass eine Fortsetzung an sich eine Fehlentscheidung war; den Wachowskis kann man genügend Fantasie für ein neues Produkt unterstellen) wohl sein Ansatz, jedes erzählerische Element seines Vorgängers überbieten zu wollen. Wo im ersten Teil Budgetbeschränkungen noch die Fantasie angeregt haben, wird hier geklotzt, wo es sich nur ansatzweise anbietet. Das beginnt beim uninspirierten Eröffnungsauftritt Trinitys, der allzu deutlich ihrer zum Kult avancierten Einführung im ersten Teil nacheifert (und dabei gleich den Bullet-Time Effekt mit mehreren Kugeln (der im ersten Teil noch als Höhepunkt gefeiert wurde) potenziert) und setzt sich bei der folgenden halben bis dreiviertel Stunde in Zion fort. Die unterirdische, zweifelsfreie brillant bebilderte Stadt weckt dabei Erinnerungen an konventionelle Science-Fiction Streifen: morbides Design, hoch-technisiert, Mech-Roboter, Raumschiffe, Kampfausrüstung, Senat, Politiker, Reden, Religionskonflikte. George Lucas hätte es keinen Deut anders gemacht.

Und dann geht es endlich wieder in die "Matrix", realisierend, dass Zion ob der Beschränkungen, die die Physik bietet, ja nie ein so spektakuläres und fantasievolles Setting wie die künstliche Welt bieten kann. Und trotzdem der Film endlich die Balance zwischen Stil und Inhalt zu finden scheint, als Neo das Orakel trifft, geht es von da an nur noch bergab. Denn abgesehen davon, dass hier sinnlose und endlose ermüdende Martial Arts-Faustkämpfe eingeschoben werden, die Null in die Story integriert sind (der Kampf mit den neuen Agents bei der Konferenz, mit Seraph, dem Wächter des Orakels, mit den Prügelknaben des Franzosen im Foyer), machen die Wachowskis den schlimmsten aller Fehler: sie demystifizieren, konkretisieren ihre Welt, weiten ihre "Logik" derart aus, dass selbst der erste Teil in fahlem Licht erscheint.

Wo im ersten "Matrix" reale Logik noch faszinierend-mythisch aufgearbeitet wurde, herrscht nun der Drang nach Erklärung in allen Detailfragen. Beispiel: als die Matrix in Teil 1 reprogrammiert wird, erlebt Neo das Déjà-vu mit der Katze; innerhalb des Universums ein schöner, zugleich sinniger Einfall, reale Logik abstrakt zu visualisieren. Jetzt wird alles furchtbar direkt formuliert: Programmierer haben sprichwörtliche Hintertüren (gar nicht plump), Programme können plötzlich Programme hacken, Agent Smith wird zum Virus, manche Programme seien "schwer löschbar" (aha) und werden deshalb verfolgt, der Schlüsselmeister ist ein kleiner Asiate, dessen Sammlung jeden Hausmeister neidisch stimmt. Wo bleibt denn bitte hier die Fantasie?

Weiter gehts dann mit Neo: selbstverständlich muss man dem Kampf mit hunderten Smiths technisch Respekt zollen, aber neben der Tatsache, dass auch der nicht mehr motiviert werden kann, führt er die Prinzipien des Films ad absurdum: mehr Agenten, mehr Effekte, mehr Slow-Motions, gleich soviel mehr, dass die Szenerie schließlich zum karikativen Schlussbild eines Bud Spencer-Films mutiert: alle stürzen sich auf Neo, bis der sie in einem gigantischen Befreiungsschlag auseinanderwirbelt. Darüberhinaus kann er jetzt Gegenstände teleportieren, mit mehrfacher Überschallgeschwindigkeit fliegen (aber nicht "beamen") und sogar Tote wieder zum Leben erwecken.

Spoiler
Dann die schwache Dramaturgie: ist der Schlüsselmeister einmal gefunden, trifft Neo auf den Architekten und danach sackt die Spannungskurve bis ins Bodenlose und es folgt das beißend schlecht geschnittene Finale. Findet der Einbruch ins Gebäude nun tatsächlich statt oder ist das ein Blick in die Zukunft? Kommentiert Morpheus das Geschehen oder berichtet er nur von seinen Plänen? Folgt jetzt der Ausblick auf den dritten Teil oder wird das alles nur so knapp präsentiert?

Natürlich wird das letztendlich klar, aber nehmen sich die Wachowskis bis zur Rettung des Schlüsselmeister noch Zeit, jede Szene rhythmisch in einen Kontext zu bringen, folgt ausgerechnet beim Finale alles Schlag auf Schlag: Einbruch, Ausschaltung des Kraftwerks, ach nein, das Notfallsystem springt an, Mist, die Leute des Schiffs sind entdeckt worden und werden von den Sentinels getötet (emotionale Aufarbeitung nicht vorhanden), das Notfallsystem wird doch zerlegt, nein, Trinity, du darfst mir nicht folgen, ok, ich verspreche es, nein, ich muss da hinterher, hey, hier ist plötzlich was anders, ich erledige die Sentinels, Zion wurde angegriffen, wir haben einen Verräter, er liegt mit Neo im Koma.
Kompakter gings wohl nicht?
Spoilerende

Es ist gut möglich, dass man den zweiten Teil der "Matrix"-Trilogie mit einer solch detaillierten Analyse zu hart rannimmt, dass im abschliessenden und klärenden Teil "Revolutions" die (durchaus faszinierenden und potenziell interessanten) Kommentare des Architekten noch die nötige Logik offerieren, die die Gesamttrilogie wieder schlüssig erscheinen lässt. Dass die Rolle des Merowingers (man achte auf die bedeutungsschwangere Bezeichnung) und Persephones (die evtl. nicht nur den Kuss von Neo wollte, weil sie an "die Liebe" erinnert werden wollte) an Gewicht gewinnen und noch einen zusätzlichen Twist offenbaren. Klar bleibt am Ende dieses wahrlich unbefriedigenden Mittelteils jedenfalls nur, dass die Wachowskis die Balance und Rhythmik von Stil und Inhalt nicht unter Kontrolle hatten und auf allzu plumpe, fantasielose Weise den Zuschauer mit inhaltlichen und philosophischen Fragen bombardieren. An der effektvollen Präsentation einer entscheidenen Storywendung sind sie jedenfalls gescheitert. Da hat ihnen selbst George Lucas was voraus.

Demythologisierung der "Matrix"-Welt mit schwacher Dramaturgie


Thomas Schlömer