Hidalgo - 3000 Meilen zum Ruhm
(Hidalgo)

USA, 135min
R:Joe Johnston
B:John Fusco
D:Viggo Mortensen,
Zuleikha Robinson,
Omar Sharif,
Louise Lombard
L:IMDb
„Die hindurchgehen Allahs Bratpfanne”
Inhalt
Als der berühmte amerikanische Reiter Frank T. Hopkins (Viggo Mortensen) im Jahr 1890 die Einladung erhält, an einem 3000 Meilen-Rennen durch die arabische Wüste teilzunehmen, nimmt er diese Herausforderung nur zu gerne an. Endlich können er und sein legendärer Mustang "Hidalgo" sich mit den besten Beduinen-Reitern und edelsten Araber-Pferden messen. Doch was zunächst nur wie ein sportlicher Härtetest aussieht, wird für Hopkins bald zu einem Kampf ums Überleben.
Kurzkommentar
Wenn der traumatisierte Cowboy mit seinem buntscheckigen Gaul in die Wüste geschickt wird, um es allen Vollblütern zu zeigen, bleibt kein Klischee unausgeweidet. „Hidalgo“ will ein authentisches Abenteuer erzählen, gerät aber angesichts verheerender Kostümträume, satten Ethnokitsches und vor allem phantastisch unfreiwillig komischer Dialoge zur bizarren Karikatur sämtlicher Western- und Orientmärchen. Trotzdem oder gerade deswegen ist „Hidalgo“ ein zuweilen spaßiges Wüstenabenteuer. Nur war das von Regisseur Joe Johnston so sicher nicht gedacht.
Kritik
Im 19. Jahrhundert gab es für die Geschichte noch einen Sinn. Vor allem für die meist im Zuge gewalttätiger Auseinandersetzungen geborenen Nationalstaaten war Geschichte nicht unbedingt Vergangenheit, sondern immer eine Rechtfertigung der Gegenwart; ein Märchen, ein Fake, der möglichst bunt, zielgerichtet und heldenvoll sein musste. Ganz ähnlich scheint es sich mit den Erinnerungen der amerikanischen Abenteurers Frank T. Hopkins zu verhalten. Der behauptet in seinen Memoiren, auf denen „Hidalgo“ basiert, zwar felsenfest, dass die mehrtausendmeilenlangen Wüstenrennen stattgefunden haben, tatsächlich ist das aber bis heute umstritten; was Dichtung und was Wahrheit ist, spielt in den Geschichts-Shows Hollywoods aber sowieso keine Rolle mehr. Als Vergangenheit wird das verkauft, was in den Köpfen der Zeitgenossen in poppigsten Farben als romantische Reiseprospektphantasie herumgeistern mag.

Wo diese grelle Geschichtsshow enden kann, zeigt „Hidalgo“ auf unfreiwillig karikierende Weise. Klischee um Klischee wird in Joe Johnstons Abenteuermärchen übereinander getürmt, und es ist in etwa so: Was kommt heraus, wenn das ganze Paket der Assoziationen, das der Marlboro-Man freisetzt, in das billigste Abziehbildchen von Tausend und eine Nacht versetzt wird? Richtig, der Lonesome-Coboy bietet der Wüste heldenhaft mit knallrotem Halstuch Paroli, ein ziemlich fieses Prospekt. „Hidalgo“ verrührt groschenromanartige Western- und Orientvorstellungen auf bestechend unbekümmerte, krasse Weise. Angesichts des Regisseurs wundert das dann weniger. Joe Johnston tobte sich, nachdem Spielberg nicht mehr wollte, zuletzt in „Jurassic Park 3“ aus, hatte 1995 mit dem bombastischen Effektezirkus „Jumanji“ gezeigt, wie er sich als Regisseur selbst vor allem versteht: als Macher von lauter Familieunterhaltung. Als diese funktioniert „Hidalgo“, die x-te Einsamer-Reiter-und-sein-anthropomorphes-Pferd-Variante, recht gut und recht komisch – versehentlich allerdings.

Das schrille Märchen aus dem Kostümverleih sieht sich selbst als Wüstenepos, ist aber, vom Krummsäbel bis zum orientalischen „Hofmohren“ und den stichwortartigen Dialogen, ein komplettes Zerrbild, das sich überflüssigerweise überwiegend ernst nimmt. Das sieht man vor allem im Gesicht von Viggo Mortensen, für den dieser Film zu allererst gedreht wurde. Mortensen, endlich ausgekoppelt aus dem „Herrn der Ringe“, soll in hier in seiner ersten wirklichen Hauptrolle installiert werden. Das geht in die Hose. Das Dialogniveau in „Hidalgo“ beschränkt sich auf fröhlich interkulturelles Sprücheklopfen, zuweilen hart an der Schmerzgrenze, dazwischen ein bisschen Reiten, Schießen, Laufen, starken Kaffee trinken, Wüstenscheichs vermöbeln und Prinzessinnen retten. Bemerkenswert ist die rasche, wirre und emotional nie überzeugende Alibi-Eröffnung, bevor dem Gaul in tierquälerischer Manier die Sporen gegeben werden: Hier markiert sich einmal mehr der ehrliche, aber platte revisionistische Western, die Sache mit der Geschichte also wieder.

So wird Frank Hopkins, der als Halbindianer im Amerika des ausgehenden 19. Jahrhunderts ohnehin einen prekären Stand hat, Zeuge des Massakers am Wounded Knee durch die US-Armee. Das psychologische Muster weist darauf verblüffende Ähnlichkeiten zu „Last Samurai“ auf: In beiden Fällen erleiden die „wahren“ Helden den seelischen Bruch durch die Kriegsgräuel der eigenen Armee, die perverser Weise als patriotische Heldentaten verramscht werden. Angesichts der erfahrenen Ohnmacht bleibt dann erst nur der tiefe Blick in die Flasche und dann die Flucht in das verkitschte Bild der exotischen Fremde, um dort „wahres“ Heldentum zu restituieren, das den Recken gleich mittherapiert. „Hidalgo“ hätte mit dieser mageren Essenz auch einen guten Comic abgegeben, ja gerade auch die Kostümierung lädt dazu ein. Recht flott verschifft Johnson seinen Helden an die Startlinie und bevor sich mögliche spannende Linie des Scripts von Drehbuchautor John Fusco alsbald im Wüstensand verlieren, passieren alle nötigen Schießbudenfiguren aus abgestandenen Orientphantasien samt zugehöriger habitueller und kultureller Klischees die Szenerie; eine komisch große Rolle für einen prächtig dekorierten Omar Sharif.

Dann fällt das Dilemma wieder auf den Drehbuchautor zurück, den Galopp durch die ewige Ödnis dramaturgisch aufzupeppen. Das gelingt mit einigen, verlegenen Special-Effects-Einlagen, nötigen Postkartenaufnahmen und Fiese-Wüstenräuber-Subplots dann auch einigermaßen leidlich. Dennoch weist „Hidalgo“ gerade im Mittelteil offensichtliche Hänger auf und zieht sich insgesamt erheblich. Immer wieder eilt dann aber die unfreiwillige Komik der haarsträubenden Unterhaltungen bar jeder Einsicht in die Eigenart der anderen Kultur zu Hilfe, so dass diese Wüstenrallye auf Werbebildchenformat doch für eine solide Märchenshow sorgt. Und was will man noch mehr von Geschichte, schließlich hat auch Viggo Mortensen dann sein Filmpferd gekauft.

Klischeedurchsetzter Wüstenwestern mit Trashbonus


Flemming Schock