Fluch der Karibik
(Pirates of the Caribbean: The Curse of the Black Pearl)

USA, 143min
Filmspiegel-Auszeichnung
R:Gore Verbinski
B:Ted Elliott, Terry Rossio
D:Johnny Depp,
Orlando Bloom,
Geoffrey Rush,
Keira Knightley,
Jack Davenport
L:IMDb
„I'm dishonest, and a dishonest man you can trust to be dishonest... honestly”
Inhalt
In der Karibik, wo Freiheit, Abenteuer und Lebenslust förmlich in der Luft liegen, fühlt sich der verwegene und charmante Haudegen Captain Jack Sparrow (Johnny Depp) zu Hause. Sein bis dahin paradiesisches Leben erhält einen jähen Dämpfer, als der durchtriebene Captain Barbossa (Geoffrey Rush) sein stolzes Schiff, die Black Pearl, in seine Gewalt bringt und mit ihr die Hafenstadt Port Royal überfällt, wo er die bildschöne Tochter des Gouverneurs, Elizabeth Swann (Keira Knightley), entführt. Das kann der abenteuerlustige Will Turner (Orlando Bloom), Elizabeth’ Freund und Vertrauter seit Kindheitstagen, nicht auf sich ruhen lassen. Gemeinsam mit Captain Sparrow macht er sich auf die Jagd nach der mörderischen Bande um Barbossa – und seiner verlorenen Liebe.
Kurzkommentar
Gore Verbinski bringt den Piratenfilm auf Kurs. Als spätsommerlicher Kurztrip in jugendlich zeitlose Phantasien bietet „Fluch der Karibik“ alles, was das Freibeuterherz verlangt. Das um fragwürdig moderne (Digital)Elemente angereicherte Abenteuer ist seiner Formel nach wohltuend antiquiert, ehrlich anspruchslos und vor allem dank seiner Besetzung ein echter Spaßbringer. Johnny Depp ist das As im Ärmel und kein Klischee bleibt hier ungefeiert. Ein insgesamt unverdächtiges, unbekümmertes Vergnügen für Groß und Klein und vielleicht die erfolgreiche Bergung eines ganzen Genres.
Kritik
Er wollte mit einer spannenden Phantasie nur einen Jungen unterhalten, seinen Stiefsohn. In wenigen Fortsetzungen sollte die Geschichte abends am Feuer des Kamins zu erzählen und all das sein, wovon das Weltbild eines Jungen nun mal so träumt: Bühne für große Helden und große Schurken, für grenzenloses Abenteuer, für Schiffe, Kämpfe und Kanonen, Schätze, Grenzenlosigkeit. Also schrieb Robert Louis Stevenson, damals noch völlig unbekannt, in nur wenigen Wochen eines Sommers des endenden 19. Jahrhunderts die Geschichte vom „Seekoch“. Mit einiger Anlaufzeit wurde aus ihr als „Die Schatzinsel“ ein beispielloser literarischer Massenerfolg, der plötzlich den Urgrund der Phantasie aller, gerade auch der erwachsenen Jungen, befeuerte. So fand sich erst London bis in die höchsten Kreise in einem Begeisterungstaumel für Long John Silver, Jim Hawkins und einsame Inseln wieder.

Der Rest der Welt folgte, bis heute. Diese Geschichte ist nicht nur deswegen interessant, weil es hierzulande für Jungen bis heute eine diffizile Entscheidung ist, zu Karneval entweder als Cowboy das eigene Gesetz zu verkörpern oder eben als Pirat alles und jeden zu entern. Die Rezeptionsgeschichte von Stevensons „Schatzinsel“ ist vielmehr das Muster dafür, wie die Macht einer literarischen Fiktion kollektive Bilder von der Vergangenheit formt. Denn gerade das populäre Sinnbild des Karibikpiraten hat mit den historischen Begebenheiten soviel zu tun wie Romantik mit dem Alltag eines Flibustiers des 17. Jahrhunderts. Traumbildung überlagert Geschichte bis zur Unkenntlichkeit – und so wurde Stevensons Abenteuerroman zusammen mit einem Nachzügler, James Matthew Barries „Peter Pan“, zur Initialzündung einer Legendenbildung „des“ Piraten und seiner Welt. Da war alles möglichst papageienhaft bunt, karnevalesk, mit Augenklappen, Plankenlaufen, Holzbeinen und jeder Menge Rum versehen.

Mit Errol Flynn und Burt Lancaster trug dann auch der Hollywood-Film der 1940er Jahre seinen entscheidenden Teil zur Erinnerungsbildung bei. Aber danach war Flaute, das filmische Piratengenre soff ab. Als Spaßmaschine wandte sich der verkitschte Piraten-Topos noch bis zur Themenpark-Attraktion bei Disney durch. Über die Gründe des filmischen Auflaufens darf man noch spekulieren; dass Piraten und ihre langsamen Segelschiffe für die schnelle Gegenwart und das geschwindigkeitssüchtige Auge zu anachronistisch geworden waren, kann nicht der einzige Grund sein. „Die Schatzinsel“ wird noch gelesen werden, wenn „Matrix“ schon lange im digitalen Erinnerungsnirvana verschwunden ist. Dieser „Jungentraum“ bleibt zeitlos, weil er zu der fiktiven Vergangenheit in die er blickt, immer die gleiche Distanz behalten wird, nämlich keine. Die jüngsten Wiederbelebungsversuche von Polanski („Piraten“, 1986) und Renny Harlin („Die Piratenbraut“, 1995) scheiterten.

Aber jetzt wurde es Zeit. Endlich dürfen alle Junggebliebenen aufatmen, denn seit „Gladiator“ stehen „Historienfilme“, die ihre Action unbekümmert auf platte Vorstellungen vergangener Zeiten projizieren, wieder hoch im Kurs. Nachdem „Matrix: Revolutions“ Ende des Jahres wohl den Zenit artifiziellen Geprotzes erreichen wird, könnte die eigentliche re-volutio, die Rückkehr und Wiederherstellung des Gegenständlichen und erleichternd Altbackenen im Actionfilm anstehen: lieber echt artistische Degenduelle auf organisch knarrenden Schiffsplanken als keimfreies Kung-Fu-Gefuchtel von der Festplatte. Vielleicht hat Produzent Bruckheimer mal wieder im rechten Moment diese Sehnsucht aus Übersättigung gewittert und sich an der überfälligen Verjüngung eines Genres versucht. Der Kassenerfolg von „Fluch der Karibik“ spricht dafür und reflektiert, wie die FAZ bemerkt, natürlich auch sinnbildlich die filmpolitische Situation Hollywoods selbst: unbekümmert betreibt man Piraterie an diversen Piratenklassikern, plündert und motzt sie, noch als Zugeständnis an den kippenden Zeitgeist, mit Rechenpower auf.

Und so müssen richtige Bösewichte heute scheinbar tot auch noch lebendig sein. Dabei stören die Pixelskelette in der erfrischend verstaubten Piratenformel aus Frauen, Helden, Schurken, Explosionen, Schlacht und Palmen kaum, aber mit der entsprechenden Rasanz im Drehbuch und vor allem den richtigen Darstellern – die „Fluch der Karibik“ allesamt hat – ist diese Verlegenheitsgeste wohl gar nicht notwendig. So hätte man für das Computerbudget lieber noch ein Schiff mehr nachbauen können. Das verwöhnte Auge nimmt die klapperigen Untoten hin, eine ersichtliche Funktion erfüllen nicht, erinnern aber immerhin daran, dass sie nicht mehr Phantasiegeburt sind als der Rest des Gezeigten auch. Aber was zählt schon der eigentliche Inhalt. Denn für einen Piratenfilm, der nach einer Themenparkidee Disneys („Pirates of the Carribean“) entstand, hat Regisseur Gore Verbinski die größtenteils exakt richtige Mischung aus Slapstick und Action gefunden und das erwähnte Piratenklischee in allen Facetten genüsslich ausgeschlachtet. Das Ergebnis ist eine familienfreundliche Achterbahnfahrt mit allen notwendigen Zutaten, mit eindrucksvollen Schiffs- und Landschaftsaufnahmen, mit wuchtiger Musik, idealer Besetzung, schmissigen Sprüchen.

Und die eigentlichen Sympathieträger sind natürlich die Piraten, allen voran Johnny Depp in einer sagenhaften Figur, die wie die letzte Satire auf die gesamte Tradition des Motivs wirkt. Als Jack Sparrow gibt er leicht typisch den torkelnden Piratenpunk wie frisch vom Laufsteg und eindeutig das Zentrum des Streifens. Schon das erste „Einlaufen“ Sparrows in Port Royal ist für den Humor tonangebend. Ähnlich ist der Rest des kirmesartigen Streifens. Depps Figur interveniert gelungen immer an jenen Stellen, wo der Wind aus den Segeln zu gehen droht. „Fluch der Karibik“ ist ehrlich substanzlos, aber sein Klassenziel erfüllt er tadellos. Er ist technisch berauschender Klamauk, zuweilen begrüßenswert altmodisch, eine übersteigert bunte Phantasie und in diesem Sinne hoffentlich die Ankündigung der längst überfälligen Restauration einer untergegangen Filmgattung.

Grell-spaßige Piratenphantasie mit Fortsetzungslaune


Flemming Schock