Väter

Deutschland 2002, 102min
Filmspiegel-Auszeichnung
R:Dani Levy
B:Günter Rohrbach,Dani Levy
D:Sebastian Blomberg,
Maria Schrader,
Ezra-Valentin Lenz,
Christiane Paul
L:IMDb
„Es tut mir leid”
Inhalt
Marco Krieger (Sebastian Blomberg) ist verheiratet, hat einen Sohn (Ezra-Valentin Lenz) den er liebt und einen Job der von ihm alles fordert. Zu spät merkt er, dass der Dauerstress zwischen Präsentation, Meeting und Stadtbauamt sein Familienleben zerstört. Seine vernachlässigte und enttäuschte Ehefrau Melanie (Maria Schrader) verlässt ihn und zieht überstürzt aus. Es folgt eine von verletzten Gefühlen und Verzweiflung getriebene Eskalation die sich im Kampf um das Kind von ihrer hässlichsten Seite zeigt. In der ohnmächtigen Instrumentalisierung der Rechtsanwälte suchen beide den Ausweg und machen alles nur noch schlimmer. Verzweifelt kämpft der Vater um sein Kind, dass in der Auseinandersetzung längst zu einem missbrauchten Spielball geworden ist.
Kurzkommentar
Der Einsatz von digitalen Kleinkameras ist formale Mode, Dani Levys „Väter“ hat aber auch Substanz. Das beobachtungsgenaue Protokoll einer von Missverständnissen und Irrtümern demontierten Liebe punktet durch Darsteller und nachhaltige Glaubwürdigkeit. Als nie pathetisches Drama verbreitet „Väter“ eine dezente Moral mit reifen Hoffnungsbotschaften gegen drohende Scheidungstaten.
Kritik
Beliebige Beziehungsnöte, wie sie tausend Mal täglich passieren und schließlich in die bittere Scheidung führen, das ist wohl nichts fürs Kino. Es ist zu alltäglich, zu trivial, gehört ins Fernsehen. So haben vielleicht die deutschen Filmförderungen über „Väter“ gedacht und Regisseur Dani Levy keine Geldmittel zukommen lassen. Levy ließ sich jedoch nicht entmutigen und griff bei hart reduziertem Budget eben zum trendgerechten, modernen Ausweg: zur Digitalkamera. Gekünstelter und selbstverliebter Dogmatismus muss daraus nicht werden, das zeigte schon Dominik Grafs „Der Felsen“ kürzlich ziemlich eindrucksvoll. Und es gilt nun auch uneingeschränkt für „Väter“.

Denn auch wenn für Levy die Form nur dazu da ist, den Inhalt zu transportieren, sie verwandelt Not mühelos in eine Tugend: die digitalen Bilder mögen, grobkörnig und verschwommen, erneut gewöhnungsbedürftig wirken. Ist aber das und das leicht erhöhte Bildzittern erst akzeptiert, entwickelt die Fotographie des Streifens eine recht eigenartige Schönheit mit gewohnt dokumentarischem Einschlag. Sie stellt aber sowieso nur den Rahmen. Mit Beginn, bevor der Blick tiefer geht, wirkt Levys Beziehungsdrama dann in der Tat ziemlich schematisch, für die Träume des Kinos zu gewöhnlich. Der Jungarchitekt ist auf dem Weg zum hart erarbeiteten Erfolg, er liebt seine Familie. Sie ist aber nicht länger sein Zentrum, sondern die Pflicht seiner Karriere.

Das Ergebnis der schwelenden Konflikte unter denen vor allem das Kind zu leiden hat, kann man sich denken, es überrascht auch nicht. Aber gerade das Typische kann, wenn richtig angegangen, noch aufschlussreiche Einsichten in die psychischen Abläufe des (ehelichen) Miteinanders bieten. Zudem kann der Titel irre leiten, denn „Väter“ zentralisiert zwar die Empfindungen des Vaters, setzt sie aber nicht absolut. Der Film ist, selbst wenn das Argument anklingt, keine einseitige Parteinahme für die Ausweitung väterlicher Rechte am Kind nach der Scheidung. Dass er mehr bietet, lässt schon die talentierte Maria Schrader in der Mutterrolle vermuten. Ihr Auftreten zusammen mit dem kaum bekannten Sebastian Blomberg ist äußert gelungen.

In jeder Sekunde, in jedem Blick und jeder Geste drücken beide glaubwürdig die unwillentliche Entfremdung, ihr Liebe füreinander und die für ihren Sohn aus. Rührige Melodramatik lässt Regisseur Levy sofort hinter sich und richtet den Fokus tiefer, auf Verhaltensmuster und deren Entwicklung. Unpathetisch und pointiert stellt „Väter“ jene kleinen Konflikte im Beziehungsalltag heraus, die restlos dumm oder Missverständnisse sind, aber doch verheerende Wirkung haben. Wie Kinder sprechen die Verletzten erst länger nicht miteinander und wenn dann doch, dann annähernd zu spät. Denn die Mühlen der Scheidungsjustiz wirken bereits zerstörend.

Die Charakterzeichnung der Darsteller zunehmend an Intensität und Sebastian Blomberg versteht es ausgezeichnet, der verzweifelnden Hoffnung eines liebenden Vaters Ausdruck zu verleihen. Mit der schockartigen Tatsache der Trennung konfrontiert, taumelt dieser in die totale Sinnkrise und legt alles daran, um seinen Sohn und die Liebe seiner Frau zu kämpfen. Doch auch die Gefühlslage der Gegenseite wird mit gebührender Distanz ausgelotet, frei von quälender Moralisierung. Levy dosiert die Emotionen plausibel berührend. Mit behutsamer Perspektive legt „Väter“ menschliche Irrtümer, letztlich aber auch Hoffnungen frei. Das macht ihn nicht nur sympathisch, sondern auch aufschlussreich.


Einfühlsames Familiendrama, wirkungsvoll in Form, Inhalt und Darstellung


Flemming Schock