Findet Nemo
(Finding Nemo)

USA, 100min
Filmspiegel-Auszeichnung
R:Andrew Stanton, Lee Unkrich
B:Andrew Stanton, David Reynolds, Bob Peterson
D:Anke Engelke,
Christian Tramitz,
Domenic Redl,
Erkan Maria Moosleitner,
Stefan Lust
L:IMDb
„Hilfe, ich bin H²O-allergisch!”
Inhalt
An seinem ersten Schultag wird der 6-jährige Clownfisch Nemo vor den Augen seines überängstlichen Vaters von Tauchern entführt und landet im Aquarium einer Zahnarztpraxis in Sydney. Nemos Vater Marlin macht sich sofort auf die Suche nach seinem verlorenen Sohn und trifft dabei auf die Doktorfischdame Dorie, die ihr Kurzzeitgedächtnis verloren hat, einen Weißen Hai namens Bruce mitsamt seiner Gang der "Anonymen Fischesser", der Surfer-Schildkröte Crush und vielen anderen. Doch seinem Sohn kommt er nur schwerlich näher.
Kurzkommentar
Die Pixar-Animationsstudios beweisen mit „Finding Nemo“ erneut ihr Feingespür für gleichzeitig berührende wie humorvolle Trickgeschichten. Die auch sinnbildliche Suche des Vaters nach seinem Sohn ist liebevoll inszeniert, mit subtilen (Film-)Anspielungen gewürzt und dank feiner Figurenzeichnung auch ein geistiger Genuss. „Finding Nemo“ ist vielleicht weniger komödienlastig als seine Vorgänger, dafür umso liebenswerter in seiner Geschichte.
Kritik
Väter sind als zentrale Charaktere im Kino bislang eher unterrepräsentiert. Meist sind sie „nur“ Nebenfigur, stehen auffällig häufig nicht im Mittelpunkt eines Familien- oder Charakterdramas. Das heißt keineswegs, dass sie vernachlässigbar oder gar verzichtbar sind, viel mehr, dass sie als (alleinige) Identifikationsfiguren eher selten herangezogen werden. Das gilt insbesondere für den Trick- und Animationsfilm, der ja (zumindest in westlichen Ländern) nach wie vor als „Kinderunterhaltung“ gilt, entsprechend oft also auch kindgerechte Identifikationsfiguren bietet: „Bambi“, „Pinocchio“, „Dumbo“, oder, speziell für die Mädchen, „Schneewitchen“, „Dornröschen“, „Die Schöne“ (und das Biest), „Mulan“. Erst Ende der 90er, als sich so langsam herauskristallisiert hatte, dass sich mit Simba als dem „König der Löwen“ wohl die letzte rein kindlich orientierte Hauptfigur einsam im Erfolg baden konnte, und der inhaltlich wie technisch „traditionelle“ Animationsfilm endgültig aus der Mode zu kommen scheint, veränderten sich auch die Identifikationsfiguren. Insbesondere dank des als frech und dadurch erfrischend geltenden computeranimierten Films: Spielzeuge in „Toy Story“, eine neurotische Ameise in „AntZ“, Monster in „Die Monster AG“, ein grüner Oger in „Shrek“. Dass sich PDI/Dreamworks-Chef Katzenberg also bei „Der Weg nach El Dorado“ und zuletzt „Sinbad“ darüber beklagen konnte, der „traditionell“ animierte Film sei tot, ist hauptsächlich auf deren aus der Mode gekommenen Figuren und natürlich den abgegriffenen Märchen- sowie Legendenaufarbeitungen zurückzuführen. Nicht zuletzt der optisch unspektakuläre „Lilo & Stitch“ hatte ja bewiesen, dass auch „2D“-Filme noch äußerst erfolgreich sein können. Wenn eben die Charaktere stimmen.

Dass nun ausgerechnet das Animationsstudio Pixar in mustergültiger Progressivität vorführt, wie ein modernes Abenteuer mit einem Vater als Identifikationsfigur auszusehen hat, dürfte die wenigsten verwundern. Kaum ein Studio kann in seiner kurzen Geschichten auf einen derart überzeugenden künstlerisch wie kommerziellen Erfolg verweisen. Anfang der 80er quasi als „Abfallprodukt“ in George Lucas‘ aufkommender Effektschmiede ILM entstanden, folgte nach ihrem (noch als „Lucasfilm Image Group“-Produktion betitelten) ersten Kurzfilm „The Adventures of André and Wally B.“ der wegweisende Animationsfilm „Luxo Jr.“, der 1986 als erster computergenerierter Film für einen Oscar nominiert wurde. Als dann 1995 mit „Toy Story“ der erste rein computergenerierte Langfilm in die Kinos kam, war der Erfolg von Pixar nicht mehr aufzuhalten und mit „A Bug’s Life (Das große Krabbeln)“, „Toy Story 2“ und „Die Monster AG“ übertraf jedes Einspielergebnis das vorherige. Und davor hat nun auch „Finding Nemo“ nicht halt gemacht, denn vor wenigen Wochen avancierte dieser mit einem Einspielergebnis von ca. 330 Mio.$ zum bislang erfolgreichsten Animationsfilm.

Angesichts des immensen Erfolgs, der eben auch einen gewissen Erfolgsdruck mit sich bringt, ist sicher zu befürchten, dass Pixar (vor allem künstlerisch) in naher Zukunft einmal nicht mehr sein hohes Niveau zu halten vermag, aber im Falle von „Finding Nemo“ erweist sich diese Befürchtung bereits nach den ersten Sekunden als unbegründet. Der Film beginnt vollkommen ruhig, ganz ohne den klamaukigen Humor, der sich bei den bisherigen computergenerierten Filme eingebürgert hat, und setzt damit bereits ein erstes Zeichen: das Genre ist erwachsener, ist reifer geworden. Wo in „Toy Story 2“ in der Pre-Credit Sequenz noch ein Gag den nächsten jagte, der computergenerierte Film in gewisser Weise auch noch um seine Anerkennung kämpfen musste und das mit flotten Humor zu überdecken versuchte, hat man diese Phase nun hinter sich gelassen und kann abseits technischer Wundertaten eine berührende Vater-Sohn-Geschichte erzählen. Das betont in den ersten Sekunden auch Thomas Newmans Musik, die mit gewohntem Piano- und Streichereinsatz unmittelbar festhalten möchte: hier wird die liebevolle Geschichte einer unschuldigen Familie erzählt, aber das so subtil und herzallerliebst wie möglich.

Dennoch kommt der Humor natürlich nicht zu kurz in „Finding Nemo“ und auch wenn im Prinzip alle Gags darauf beruhen, typisch-menschliche Angewohnheiten und Institutionen unter die Meeresoberfläche zu verlagern, ist der Fantasie bei Pixar wieder einmal kaum Grenzen gesetzt. Ob nun die Gruppe der „anonymen Fischesser“ um den weißen Hai Bruce, der Verlust des Kurzzeitgedächtnisses der liebenswerten Begleiterin Dory oder die zahlreichen Filmanspielungen (besonders offensichtlich: „The Shining“, „Dude where’s my car?“ sowie diverse Hitchcock-Thriller). Hinter jeder Ecke lauert eine versteckte Anspielung, ein liebevolles Detail, unzählige Firmen-Insider und Referenzen an die eigenen Produkte. Wer auf dieser rein „oberflächlichen“ Ebene pure Unterhaltung sucht wird beinahe ebenso gut bedient wie noch bei den bisherigen Filmen des Studios.

Der Kern des Films, sein Herz, ist allerdings die auch sinnbildliche Suche des Vaters nach seinem Sohn, die pädagogisch wieder einmal überaus wertvolle Botschaft, seinen Kindern Raum zum Erwachsenwerden geben zu müssen (aber ohne dabei verantwortungslos zu sein) und natürlich die ewigen Themen Zusammenhalt, Freundschaft und Familie, sei es nun in Form der trotteligen, aber herzallerliebst unbeschwerten Dory, der liebenswerten Freunde, die Nemo im Aquarium des Zahnarztes zu schätzen lernt, oder des gemeinsamen Kraftaktes bei der Befreiung der Fische vor dem todesbringenden Fischnetz. Auch „Nemo“ ist wieder mal ein Pixar-Film mit dem Herz am rechten Platz geworden.

Weniger klamaukiges, dafür umso herzlicheres Abenteuer aus dem Hause Pixar


Thomas Schlömer