Hulk
(Hulk, The)

USA, 135min
R:Ang Lee
B:James Schamus, John Turman, Michael France
D:Eric Bana,
Jennifer Connelly,
Nick Nolte,
Sam Elliott,
Josh Lucas
L:IMDb
„He is unique. And because he is unique, the world will not tolerate his existence”
Inhalt
Der Wissenschaftler David Banner (Paul Kersey) forscht in den 50er Jahren nach einer Methode, die Abwehrkräfte von Menschen erhöhen zu können. Als sein Projekt vom Militär bzw. dessen Vertreter Ross (Todd Tesen) aufgrund Aussichtslosigkeit und zu hohen Gefahren abgebrochen wird, unternimmt Banner letzte Versuche an sich und seinem Sohn Bruce. Jahrzehnte später ist dieser erwachsen geworden (Eric Bana), von einer Mutter oder seinem Vater heißt es, dass sie schon längst tot seien. Wie sein Vater arbeitet Bruce als Wissenschaftlicher, dann schlägt ein Experiment fehl und Bruce wird hoher Gamma-Strahlung ausgesetzt. Er überlebt scheinbar ohne einen Kratzer, was nicht nur die Ärzte, sondern auch seine Kollegin und alte Liebe Betty Ross (Jennifer Connelly) überrascht. Doch die echten Auswirkungen zeigen sich erst als Bruce brutal behandelt und in Rage gebracht wird - und ein Mann auftaucht, der behauptet, sein Vater zu sein (Nick Nolte).
Kurzkommentar
Ang Lee versucht sich an intelligenter Massenunterhaltung und hat nur teilweise Erfolg. Während die Themenvielfalt, die "Hulk" abzudecken versucht durchaus ambitioniert und beeindruckend wirkt, fügt sich seine menschliche Tragödie nicht nahtlos ins Schema des üblichen Special Effects-Blockbusters. Trotzdem ihm für den Versuch Respekt zu zollen ist, wird dieser Dualismus bei vielen Zuschauern wohl zu unzufriedenen Gesichtern führen.
Kritik
Die typische Hollywood-Großproduktion musste in den 90ern von den Kritikern oft Schelte beziehen. Sobald ein Budget die 50 Mio.$ überstieg, ging jedes Studio auf Nummer Sicher, engagierte bekannte Darsteller, etablierte Regisseure und solide Drehbuchautoren, die letztlich nur das verfassten, was von den Studiobossen toleriert wurde. Heraus kamen dann unspektakuläre, profillose Filme, deren einzige Existenzberechtigung darin bestand, vor allen Dingen erfolgreich zu sein. Seit den 30er bis 40er Jahren wird diese Produktionsstruktur "Studiosystem" genannt - ein Wort, dass zum Schimpfwort mutierte, weil es für Inspirationslosigkeit, Risikoarmut und schematische Filme stand.

Doch mit Ende der 90er und Anfang des neuen Jahrtausends häuften sich die Flops auffällig: MGM, eines der traditionsreichsten aller Hollywood-Studios, kämpfte bereits seit Monaten um seine Existenz bis der neue Bondfilm "Die another Day" den erhofften Erfolg brachte, minimale Produktionen wie "Blair Witch Project" und "My big fat Greek Wedding" übertrafen mit ihrem Erfolg jeden Durchschnittsfilm, sichere Investitionen wie "Town & Country" mutierten ursplötzlich zu Budget-Killern größer 100 Mio.$. Was oftmals blieb, war Ratlosigkeit bei den Studios bis die offensichtlichste aller Erkenntnisse so langsam in die Köpfe der Investoren Einzug erhielt: ein guter Film ist auch ein erfolgreicher Film.

Trotzdem natürlich auch auf dem Kinomarkt keine ausgleichende Gerechtigkeit existiert, wurden die Studiobosse allmählich mutiger: Bryan Singer, nur durch seinen kultig verehrten Thriller "Die üblichen Verdächtigen" bekannt geworden, wurden die "X-Men" anvertraut, Sam Raimi, bislang hauptsächlich durch B-Movies und misslungenere Comicverfilmungen ("Darkman") auf sich aufmerksam machend, durfte an den "heiligen" Spider-Man ran, Peter Jackson, kaum für prototypische Hollywood-Arbeiten bekannt, bekam gleich das größte Budget aller Zeiten zugestanden und übernahm mit der "Herr der Ringe"-Trilogie das Mammutprojekt schlechthin. Selbst weniger viel versprechende Comic-Verfilmungen wie "Daredevil" wurden ambitionierteren Regisseuren überlassen.

Die "Risikobereitschaft" der Studios zahlte sich letztlich aus - jeder der angesprochenen Verfilmungen wurde ein außerordentlicher Erfolg. Ang Lee, für die nächste Iteration der Marvel-Verfilmungen engagiert, erscheint angesichts diesen Hintergrunds jetzt nur als Spitze des Eissturms, äh, -bergs. Dank seiner "Father knows best"-Trilogie in Kritikerkreisen schon länger hoch angesehen, wurde er der Öffentlichkeit erst mit publicity-trächtigeren Erfolgen wie "Sinn und Sinnlichkeit" und natürlich "Tiger & Dragon" bekannt. Letzterer ist sein bislang größter Erfolg und -allem idealistischen Hintergrund zum trotz- wohl der Hauptgrund dafür, dass Universal Pictures ihm 100 Mio.$ zur Verfügung gestellt hat.

Doch dann sei eine Frage erlaubt: warum überlässt man einem inspirierten, um Charakterdramen bemühten Regisseur wie Lee die Regie an einem Special Effects-Blockbuster wie "Hulk", wenn man sich doch darüber bewusst sein sollte, dass Lee in der Comicfigur weit mehr sieht als eine "seriöse" Version von Shrek? Die Antwort dürfte in der angesprochen Erkenntnis begründet sein: zwar will man dem Regisseur insoweit Vorschriften machen, als dass x Action-, also "massentaugliche" Szenen den Film schmücken müssen, die Charakterentwicklung überlasst man hingegen demjenigen, der sich damit auskennt. Schließlich lag hier die Stärke von "Spider-Man": mit Action und Special-Effects kann man attraktive Trailer schneiden und die Leute ins Kino locken, mit Charakterdrama und Emotionen sorgt man für zufriedene Gesichter und gute Mundpropaganda. Ein Konzept, das aufgeht.

Doch so sehr diese neue Taktik zu loben ist, so froh man sein sollte, dass endlich nicht nur die Form zählt, sondern auch der Inhalt, so hart muss das Urteil lauten: der Kompromiss resultiert in zu deutlicher Inkonsistenz. Denn während Lee in den (durchaus zahlreichen) ruhigeren Momenten des Films die Tragödie zweier unglücklicher Kindheiten thematisiert, in gerade zu verschwenderischer Weise "große" Themen wie die Frankenstein-Thematik, "Die Schöne und das Biest"-Love Story, "Wissenschaft - Fluch oder Segen?", Genmanipulation und sogar den Drang des Menschen, seine natürlichen (und damit Gott-gegebenen) Grenzen zu überwinden, anreisst, schreibt das Drehbuch wuchtige Actionsequenzen und Verfolgungsjagden vor - ein Kompromiss den Lee nach eigenen Angaben in diesem Maße nur auf Druck des Studios eingegangen ist und auf einen Director's Cut hoffen lässt.

Und so lässt sich der Film nicht nur als Kampf eines Mannes mit seinen eigenen Emotionen verstehen, sondern auch als moderne Auflage des alten Studio/Regisseur-Konflikts. Dieser interessiert den gängigen Kinobesucher freilich wenig und doch ist sie für dessen Zufriedenheit der entscheidende Faktor: dem einen wird "Hulk" zu dialoglastig und actionarm sein, dem anderen zu oberflächlich und "pseudo-intelektuell". Lee versucht sein bestes, um beide Welten unter einen Hut zu bringen, versucht Comic-Puristen ebenso zu überzeugen wie unbedarfte Zuschauer, versucht die bunte Comicwelt mit der ernsthaften Tragödie sowohl stilistisch (zahlreiche Splitscreens und Kamerasprünge) als auch inhaltlich zu verknüpfen. Dafür ist ihm Respekt zu zollen, aber Erfolg hat er damit nur auf halber Linie.

So gibt es immer wieder Momente, indem die eine und wieder Momente, indem die andere Komponente blendend funktioniert. Bei den Actionszenen bleiben vor allem der wuchtige Kampf zwischen Hulk und den mutierten Kötern sowie die lange Verfolgungsjagd von der Wüste bis nach San Francisco in Erinnerung, berührend bleibt hingegen der Moment als das Schicksal von Bruce's Mutter aufgedeckt und abermals deutlich wird, wie sehr sowohl er als auch Betty unter ihren dominierenden, egomanischen Vätern zu leiden hatten und haben - eine deutliche Parallele zu Lee's frühen, taiwanesischen Produktionen und wohl einer der Gründe, warum er sich ursprünglich überhaupt für den Stoff interessiert hat.

Auch sonst ist "Hulk" inhaltlich weit ernster und dramatischer als seine leichtfüßigen Genre-Kollegen. Während Spider-Man noch einen peinlichen Kostümauftritt beim Wrestling über sich ergingen ließ und Ice bei den "X-Men" Wolverines Bier kühlen darf, ist Hulk überraschend humorlos und ironiefrei. Bis auf einen eher schwachen Scherz über Banners Fahrradhelm gibt es wenig zu lachen - ein deutliches Zeichen dafür, dass Lee eben viel mehr am Schicksal seiner Charaktere und nicht am üblichen Blockbuster-Klamauk interessiert ist. Das bringt aber eben Inkonsistenzen und beim gängingen Zuschauer wohl nicht zuletzt Unzufriedenheiten mit sich, denn beworben wird "Hulk" freilich wie der übliche Action-Blockbuster.

Nichts desto trotz sollte Lees Leistung anerkannt werden. Die Geschichte seines langjährigen Drehbuchautors James Schmamus ist ambitioniert, seine Inszenierung ist größtenteils sicher, selbst Paradesituationen für unfreiwillige Lacher meistert er größtenteils. Auch wenn es ihm nicht gelingt, seine Geschichte zu einem runden Abschluss zu führen und das Finale eher grotesk anmutet, ist "Hulk" gute, zum Glück nicht bloß sinnfreie Unterhaltung. Ein Kriterium, mit dem etwa "Terminator 3" vermutlich zu kämpfen haben wird.

Ambitionierte, leider zu kompromissbereite Comic-Umsetzung mit großem Themenkanon


Thomas Schlömer