Robotic Angel
(Metropolis)

Japan 2000, 107min
R:Tarô Rin
B:Osamu Tezuka,Katsuhiro Ôtomo
L:IMDb
„You´re a superbeing”
Inhalt
In die gewaltige, von sozialem Sprengstoff gefüllte Stadtwelt von Metropolis kommt ein Privatdetektiv samt seines Gehilfen. Sie sollen den gesuchten Dr. Laughton dingefest machen, dem verbotene Experimente mit Roboter- und Menschenteilen vorgeworfen werden. Neben Präsident Boone hat auch der Industrielle Duke Red, heimlicher Herrscher der Stadt, keine reine Weste, sondern will sich Dr. Laughtons Kenntnisse selbst zunutze machen, um mit "Tima", der perfekten Roboterschöpfung seine Machtphantasien zu verwirklichen.
Kurzkommentar
Als Hommage an Zentralmotive der Science-Fiction kann „Robotic Angel“ im exotischen Animegewand durchaus begeistern. Der im Original „Metropolis“ betitelte Film ist eine Verbeugung vor Fritz Langs gleichnamigem Klassiker und „Blade Runner“. Elemente dieser und anderer Klassiker vermengt er zu einer wunderschönen, rückwärtsgewandten Visualität. Ihr kann das diffuse Handlungsgerüst nicht das Wasser reichen.
Kritik
In der filmischen Science-Fiction gibt es ein Traditionselement, das formal ist und doch das Genre am stärksten charakterisiert: es ist der visuelle Stil. Die Genealogie des Ganzen fußt auf den zwei Zentralmonumenten „Metropolis“ und „Blade Runner“. Letzterer, 1982 entstanden, wirkte stilbildend wie kaum ein anderer Streifen. Seinen atemberaubenden Bilderkosmos schuldet er wiederum „Metropolis“, Fritz Langs Kultklassiker aus dem Jahre 1927. Dessen Leistung war nicht die Erzählung einer gerade heute leicht dumpf wirkenden Sozialparabel von Klassenkampf und historischer Notwendigkeit. Gut, Marx hätte viel Freude gehabt und das Ende der Geschichte in Langs „Mutterstadt“ gefunden. Das war aber nur Beiwerk, gewidmet dem Zeitgeist.

Was „Metropolis“ noch heute aufregend macht und ihn in Erinnerung hielt, ist vielmehr seine beispiellose Optik und Tricktechnik. Ein halbes Jahrhundert vor der Erfindung des Computers schuf Fritz Lang mit visionärer Kraft die detaillierte Illusion einer futuristischen Megastadt; ein Makrokosmos, gleichzeitig Möglichkeiten und Defizite von technischem Fortschritt und Hyperurbanisierung vereinend. Ridley Scott zitierte das in „Blade Runner“ nicht weniger virtuos, ergänzte die soziologische Komponente aber um eine erkenntnisphilosophische. Mit der Frage nach dem, was Menschsein bezeichnet und ob die Seelenhaftigkeit von synthetischen Geschöpfen letztlich zur Rebellion gegen den Schöpfer führt, lieferte Scott einen mächtigen diskursiven Unterbau.

Entsprechende literarische Topoi, Roboter, Androiden und die futurologische Frage nach dem Wert künstlichen Lebens waren auch schon von Stanislaw Lem und Isaac Asimov vorgebildet. Als motivisches Erbe ist dies heute mehr oder weniger Grundbestandteil „der“ Science-Fiction, in Literatur wie Film. In diesen Zeiträumen hatte sich in Japan derweil eine ganz andere Bildkultur geformt: der Manga. Als einer der Urväter dieser Zeichentrickkunst gilt Tezuka Osamu, der, so will es die Legende, in den vierziger Jahren des 20. Jahrhunderts selbst im fernen Osten in den Bannkreis von „Metropolis“ geschlagen wurde, als er über ein Filmplakat stolperte. Es zeigte wohl die „Maria“, das Robotergeschöpf, das die Hybris des Schöpfers strafen sollte.

Die dann von Osamu entworfene Comicwelt war derart von „Metropolis“ inspiriert, dass ihr Schöpfer aus Verbeugungsgründen nicht einmal den Titel änderte. Dass die „Verfilmung“ nur im deutschen Kino den leicht unglücklichen Titel „Robotic Angel“ verpasst bekam, hat wohl diverse Gründe; nicht nur eventuelle assoziative Verwirrungen bei hiesigen Cineasten. Der Grund für die Entscheidung, „Robotic Angel“ als einer der wenigen Animes überhaupt in die Kinos zu bringen, ist der ungefähr gleiche wie der von „Prinzessin Mononoke“: der Film hat, zumindest auf einem Feld, außergewöhnliche Klasse. Das ist vor allem die Form, auch wenn sich der Inhalt ansehnliche Mühe gibt, das von Europäern den Animes angedichtete Prädikat „brutaler Kinderkram“ zu überwinden.

Zuerst also zum Positiven. Fast könnte man Regisseur Rintaro in einem Atemzug mit Lang und Scott nennen, denn er ist, oder das von ihm dirigierte Heer an Zeichnern und Computerkünstlern, der große Demiurg. Er schöpft mit „Robotic Angel“ eine Bildwelt, die schon im phantastischen Detailgrad der Hintergründe sich meilenweit vom niveaulosen TV-Anime absetzt. Jeder Entwurf der Megalopoliskulisse dürfte nur von den Besten der Zeichnerzunft stammen. Das ist gerade als Kontrast zum amerikanischen Trend, dem Trickfilm als reines Produkt der Computeranimation, ziemlich erfrischend und lädt das Auge zum Genießen ein. Und da Genuss Zeit braucht, geht die Exposition angemessen langsam vonstatten.

Hier zeigt sich, dass Rintaro und sein Team einen vielleicht vollkommenen Eklektizismus der Stile beherrschen. Der optische Look von „Robotic Angel“ macht keinen Hehl daraus, dass die Setting-Architektur von „Metropolis“ und „Blade Runner“ dankend kopiert wird. Es ist als Hommage zu verstehen, nicht als ideenloser Klau. Es ist viel mehr. Zwar finden wir formale Anspielungen bis ins Kleinste, bis in das auch in „Blade Runner“ so wichtige Symbol der weißen Taube und das leicht ironische Zitat eines grünfarbenen, ausgesprochen künstlichen Robotergehilfen im Trenchcoat Rick Deckards. Aber darüber hinaus zaubert das anachronistische Retro-Design samt seiner Jazz- und Dixielandmusik eine faszinierend widersprüchliche, surrealistische Atmosphäre.

Zudem geht „Robotic Angel“ sogar auf Distanz zum typisierten Aussehen von Anime-Charakteren und wirkt in seinem auch bunten Zeichenstil leicht „europäisiert“. So wird man ästhetisch durchaus bei der Stange gehalten. Das ist aber auch notwendig, denn beim „Drehbuch“ hapert es doch. Auch hier gilt die Devise, dass weniger mehr gewesen wäre. „Robotic Angel“ versucht, ohne sie wirklich zu intensivieren, verschiedenste Genremotive miteinander zu verflechten, verfährt sich dabei aber in diffusen Versatzstücken und Gemeinplätzen: so haben wir das schablonenartige soziale Konfliktbild von Beherrschten und zwei hybriden Herrschern (Präsident Boon und der Wirtschaftsmagnat Duke Red), also die klassische Klassenkampfsituation.

Bald beginnt auch das unausweichliche Ringen, die Revolution von Arbeitern und Robotern, das natürlich bös endende Herausfordern Gottes durch die perfekte Robotermaschine. Dass Rock, der Adoptivsohn des Duke, mit „Tima“, der kindergleichen Menschmaschine auf dem Weltenthron, so gar nicht klarkommt, ist verständlich. Auch der Zuschauer dürfte hier Probleme haben, bleibt doch die wandelnde Metapher Tima ziemlich unerklärt – und als „Titelheld“ kaum tragbar. Bis die Rebellion des Schöpfers im Ende nur eine halbe ist, serviert „Robotic Angel“ das altbekannte Motiv der Maschine auf der Suche nach ihrer Seele - „am i a human“? Die einzelnen Zeichentrickcharaktere erreichen dabei nennenswerte Tiefe. Vor einem episch gewollten Hintergrund aus Philosophie und Futurologie findet sich in der wunderschönen Kulisse keine gleich wirksam konstruierte Geschichte.

Trotz der blassen Titelgestalt, mehr Objekt als selbst agierendes Subjekt, trotz eines unbefriedigenden Endes ist „Robotic Angel“ ein bedeutender, ein „erwachsener“ Anime. Das gilt, wie gesagt, vor allem für die formale Seite. Ein zu empfehlender Kinobesuch vermittelt dann sicher den besten Eindruck der japanischen Kunst- und Kulturform.

Optisch wegweisender Prestige-Anime mit unausgewogenem Plot


Flemming Schock