High Crimes - Im Netz der Lügen
(High Crimes)

USA 2002, 121min
R:Carl Franklin
B:Joseph Finder,Yuri Zeltser
D:Ashley Judd,
Morgan Freeman,
Jim Caviezel,
Adam Scott
L:IMDb
„Die gesamte militärische Justiz basiert auf Leugnen”
Inhalt
Der Mann von Staranwältin Claire Kubik (Ashley Judd), ein ehemaliger Elitesoldat (Jim Caviezel), wird überraschend verhaftet und vor ein Militärgericht gestellt. Man bezichtigt ihn des Mordes an neun Personen, ein Massaker, das er 1988, zehn Jahre vor seiner Festnahme, in einem kleinen Dorf in El Salvador begangen haben soll. Gemeinsam mit dem abgehalfterten Juristen Charly Grimes (Morgan Freeman) übernimmt Claire die Verteidigung ihres Mannes, da sie von dessen Unschuld hundertprozentig überzeugt ist. Doch plötzlich kommen Dinge ans Tageslicht, die Claires Vertrauen zu Tom auf eine harte Probe stellen.
Kurzkommentar
Dramen in den sakrosankten Hallen der Militärjustiz bieten normalerweise ein Paradefeld für den Konflikt von zivilem und militärischem Verhaltenskodex. Wenigstens dieses Klischee wird in „High Crimes“ nicht überbetont. Ansonsten bietet der Thriller typisierte Figuren und jede Menge undurchsichtige Wendungen nur um der Wendung willen. Was Carl Franklins solides Justizstreifen dennoch leicht bemerkenswert macht, sind die beiden harmonierenden Hauptdarsteller Morgan Freeman und Ashley Judd.
Kritik
Das Subgenre des Gerichtsdramas hat immer Konjunktur. Mechanismen von Rechtsprechung und Prozess, der amerikanischen Gerichte zumal, können angenehm simplifiziert und dramaturgisch aufgeblasen werden. Da wird die Suche nach der Wahrheit nicht zur quälend bürokratischen Tortur, sondern zum Thriller. Das gilt auch gerade für Militärgerichtsdramen, denn hier, wo es über die angebliche Wahrheit hinaus auch immer um Ehre, Patriotismus und Männerschweiß geht, werden härtere Bandagen aufgefahren. Filme wie „Rules – Sekunden der Entscheidung“ oder auch „Die Tochter des Generals“ machten dem gläubigen Laien klar, dass außerhalb der Ziviljustiz immer jener über Recht gebietet, der höchsten Dienstgrad hat.

Da nun aber gerade nach dem 11. September die amerikanische Streitmacht wieder verstärkt die Seelenlage des Landes repräsentiert und niemand ernsthaft an der weißen Weste des Militärs zweifeln möchte, mögen Filme wie „High Crimes“ in Amerika kaum politisch opportun erscheinen. Es ist aber auch weniger die Geschichte, die für Interesse sorgt. Wenn wir es mit einem Militärgerichtsdrama zu tun haben, dann auch notwendigerweise mit aufrichtigen Zivilgestalten, die gegen „das System“ ringen. Das lässt kaum Raum für sonderliche Einfälle. Und so ist das Schema von „High Crimes“, selbst wenn es auf einer Buchvorlage basiert, das handelsübliche: sofort werden mit dem sanft einnehmend lächelnden Unschuldslamm und der beherzt energischen Anwältin eindimensionale Identifikationsfiguren gestiftet.

Regisseur Carl Franklin, der erst wenige, aber beachtete Filme wie „One False Move“ oder „Devil in a Blue Dress“ drehte, gesteht den Figuren kaum Profil zu. Dass alles sehr typisierend wirkt, drückt sich nicht zuletzt, wie schon angesprochen, auch in den Gesichtszügen aus: wer der Unhold ist, wird scheinbar schon durch die böse Visage offenbart. Wenigstens machte Franklin den klugen Schachzug, seine blassen Aktanten mit einem ausgewiesenen Ensemble zu besetzen. Das eingespielte Starduo Morgan Freeman/Ashley Judd sind die ausgesprochenen Zugpferde. Ohne sie hätte der Streifen vielleicht kein Budget bekommen, mit ihnen und dank einer sicheren Führung von Franklin gelingt dann tatsächlich ein einigermaßen gehobener Thriller.

Gut, dass auch die Rolle des undurchsichtigen Angeklagten und Ehemanns vom talentierten Jim Caviezel („Der Schmale Grat“, „Frequency“) übernommen wird. Vielmehr als seine Unschuld zu beteuern, mal kühl, mal theatralisch, bleibt ihm nicht. Aber seine wenigen Momente sind dann doch sehenswert. Und dass nun Ashley Judd und Morgan Freeman im Mittelpunkt stehen, hat seinen guten Grund darin, dass ihr Zusammenspiel hervorragend funktioniert. Man sieht den beiden die Spiellaune deutlich an und es gelingt ihnen tatsächlich, auch bei der Limitierung durchs Drehbuch, ihre Möglichkeiten anzudeuten. Als einsame Kämpferin in brutaler Machumgebung bringt Judd Hoffen, Vertrauen und Verzweifelung sehr plastisch hervor.

Zudem ist Freeman in typisch erhabener Lässigkeit - eine individuelle Mischung aus schlauer Wachsamkeit und altväterlichem Kumpeltum - sowieso über jeden Zweifel erhaben. Weniger gilt das für das Bestreben des Regisseurs, der Geschichte unzählige unerwartete Wendungen zu verpassen, die man bei aller Erfahrung dann doch erwartete. Weniger wäre mehr gewesen. So gibt sich die Intrigengeschichte in ihren Details kaum plausibel. Spätestens, wenn dann Tom oder Ron sogar den Lügendetektor in einer seiner leichtesten Übungen austrickst, fühlt man sich in seinen Sympathiezuweisen allerdings missbraucht. Mitreißend ist das nicht unbedingt nicht, leidlich spannend aber doch.

Nach der unverzicht- und unabwendbaren finalen Wendung lässt sich für „High Crimes“ folgendes konstatieren: er ist unbedeutender Film ohne wirkliche Höhepunkte, einer jener Streifen, die große Darsteller wie Freeman oder Judd zwischendurch abhaken. Weil er aber andererseits durchweg solide gemachte Thrillerunterhaltung bietet und zwei Hauptdarsteller in guter Spiellaune vereint, kann man ihn mitnehmen. So zwischendurch.

Absolut mittelprächtiger Gerichtsthriller mit sehenswerter Besetzung


Flemming Schock