Moonlight Mile

USA, 117min
Filmspiegel-Auszeichnung
R:Brad Silberling
B:Brad Silberling
D:Jake Gyllenhaal,
Dustin Hoffman,
Susan Sarandon,
Ellen Pompeo
L:IMDb
„What are we gonna do without our only daughter?”
Inhalt
Nachdem Tod seiner Verlobten Diana bleibt Joe (Jake Gyllenhaal) vorerst bei deren Eltern (Dustin Hoffmann & Susan Sarandon). Gemeinsam trauern sie um den Verlust, doch bald, allzu bald lernt Joe die bezaubernde Bertie (Ellen Pompeo) kennen. Und ein weiteres Geheimnis droht, die gemeinsame Trauer zu zerstören.
Kurzkommentar
Ein bemerkenswerter Cast, eine erstaunlich unspektakuläre Story und die kommende Oscarverleihung bilden den Rahmen für »Moonlight Mile«. Herausgekommen ist ein gut gespielter, ruhiger, stellenweise berührender aber dennoch nicht mitreissender Film zwischen Drama und Komödie.
Kritik
»Moonlight Mile« eröffnete in den USA den Reigen der Oscar-Aspiranten, jener Filme, die ab Halloween veröffentlicht werden und sich größere Chancen auf eine der begehrten Trophäen ausrechnen. Die Besetzung jedenfalls kann sich mit den bekannten Hollywood-Charakterdarstellern Dustin Hoffman und Susan Sarandon sowie dem vielversprechenden Neuling Jake Gyllenhaal durchaus sehen lassen.

Das Bemerkenswerteste ist jedoch meinem Empfinden nach die Wahl der Story: Selten hat ein Film eine Geschichte erzählt, die so unspektakulär, unbedeutend, "un-groß" und dennoch über die ganze Dauer des Filmes fesselnd ist. Mir hat der Ansatz, die Schwierigkeit der Trauer nach dem Tod der Verlobten bzw. der Tochter schildern zu wollen, sehr gut gefallen. Auf den ersten Blick klingt das nach erhöhter Kitsch-Gefahr, aber dazu ist das Drehbuch zu gut und die Charaktere zu überzeugend. Die sich ergebende Mischung aus Humor und Trauer, zusammen mit dem seltsamen Gefühl, dass das Leben weiter gehen muss, ist faszinierend umgesetzt.

In den Film-Klassen lernt man gemeinhein, dass dem Zuschauer innerhalb der ersten 10 Minuten des Films das Setting und die Grundzüge der Story zu vermitteln seien, und nach weiteren 15 Minuten der erste Höhepunkt zu folgen hätte. Doch obwohl sich auch »Moonlight Mile« solchen Mechanismen nicht ganz verschließen kann, plätschert die Handlung erstmal gemütlich mindestens eine dreiviertel Stunde vor sich hin, ohne dass etwas Wesentliches passiert, aber auch ohne langweilig zu werden. Erst nach und nach entwickelt sich mit der Geschichte um Bertie ein Konflikte bergender Handlungsstrang, doch als man eben glaubt, den Mechanismus verstanden zu haben, offenbart Joe unerwartet den eigentlichen Höhepunkt.

Spoiler Als am spannendsten erweist sich die moralische Frage, ob sich Joe neu verlieben darf, wo er doch seine Verlobte erst so kurz zuvor verloren hat. Die überraschende Wendung, Joes Bekenntnis der Trennung, relativiert diesen moralischen Zwiespalt. Somit gerät die ursprüngliche Überzeugung (Er darf nicht, er hat zu trauern) ins Wanken, und Joe befindet sich in einem umso schwierigeren Spannungsfeld aus öffentlich zu begehender Trauer, heimlicher Liebe, Hinwendung zu den Eltern und der geheimgehaltenen Trennung. Dieser innerlich ausgetragene Konflikt verleiht dem oberflächlich so ruhigen, aggressionslosen Film im zweiten Teil die notwendige unterschwellige Spannung. Spoiler Ende

»Moonlight Mile« profitiert, gerade weil so bescheiden in seinen Effekten und Affekten, sowohl von seinen Schauspielern als auch von seinen Charakteren. Die Figuren sind angenehm natürlich (wenn auch typisiert). Nicht so überladen mit typischen Eigenschaften und Verhaltensweisen, jeder mit seinen kleinen Macken, fein herausgearbeitet und gezeichnet (soweit das in der Dauer eines Films eben machbar ist). Insbesondere Dustin Hoffman spielt Joes Vater sehr überzeugend, man nimmt ihn als Schauspieler kaum noch wahr. Ähnliches gilt für Susan Sarandon, deren Rolle etwas extrovertierter ausfällt. Jake Gyllenhaal kann ebenfalls gefallen, auch wenn er stellenweise etwas zu blass und unbeteiligt wirkt - was aber zur Rolle passt.

Was die Oscarambitionen angeht: Drehbuchautor (und Regisseur / Produzent) Silberling sowie Dustin Hoffman hätten durchaus welche verdient. Aber selbst wenn diese Ehre anderen zufallen sollte, was angesichts der mäßigen Resonanz in den USA durchaus denkbar ist, so bleibt dem Zuschauer allemal ein angenehm ruhiger, von Hollywood-Klischees ferner Film, der seine Qualität aus gekonntem Schauspiel und einem fein durchdachtem Drehbuch bezieht.

Fein gezeichnetes, sensibel gespieltes Drama mit ungewöhnlicher Thematik.


Wolfgang Huang