Pollock

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„Ich benutze nicht den Zufall, weil ich den Zufall leugne”
Inhalt
New York, 1941. Der Maler Jackson Pollock (Ed Harris) lebt zusammen mit seinem Bruder Sande (Robert Knott) und dessen Familie in einer engen Wohnung in Greenvich Village. Sein Alkoholismus sorgt immer wieder für Konflikte. Alles ändert sich, als ihn die Kollegin Lee Krasner (Marcia Gay Harden) aufsucht mit der Begründung, er sei der einzige abstrakte Expressionist in New York, den sie noch nicht kennen gelernt habe. Zwei Monate später ziehen sie zusammen, und Krasner stellt nach und nach ihre eigene künstlerische Arbeit zurück, um sich ganz der Karriere Pollocks zu widmen. Nach ersten Erfolgen bei der Kritik nimmt ihn die Kunstsammlerin und Galeristin Peggy Guggenheim (Amy Madigan) unter Vertrag. Krasner und Pollock heiraten und ziehen in ein Bauernhaus in East Hampton. Hier, in Abgeschiedenheit und freier Natur, vollzieht sich jener stilistische Durchbruch des Malers, der die moderne Kunst umwälzen sollte. Doch seine Ehe bleibt ein Balanceakt zwischen Alkoholexzessen, Selbstzweifeln, Depressionen und künstlerischen Erfolgen. Als Krasner sich weigert, ein Kind von ihm zu bekommen, fängt er wieder an zu trinken.
Kurzkommentar
Ed Harris lag der Lebenslauf eines der größten Künstler Amerikas so sehr am Herzen, dass er sich nach zehnjähriger Vorbereitung kurzerhand dazu entschloss, selbst für die Realisierung einzutreten und neben der Hauptrolle auch gleich Produktion und Regie zu übernehmen. Leider zeigen sich in Inszenierung und emotionaler Dichte dann auch deutliche Schwächen, obwohl sein Porträt des alkoholsüchtigen Künstlers darstellerisch absolut sehenswert bleibt.
Kritik
Nur die wenigsten, heute berühmten Maler wurden schon zu ihren Lebzeiten bekannt und geschätzt. Stattdessen führten sie ein Leben voller Selbstzweifel, Extreme, Stimmungsschwankungen nahe der Psychopathengrenze, fühlten sich missverstanden, in ihrer emotionalen Welt mir rationalen Problem konfrontiert, die sie vollständig überforderten, schnitten sich Ohren ab und waren überhaupt gänzlich lebensunfähig. Außerdem waren sie notorische Trinker, unsägliche Rüpel und rauchten natürlich wie ein Schlot. Naja, und Frauen, ja die waren grundsätzlich Sexobjekte. Inbrünstige Liebe empfand man lediglich gegenüber der Kunst, weil sie eben ungreifbar, meist abstrakt, hochgradig emotional und sich, das besonders Reizvolle, immer nahe der Sinnlosigkeit aufhielt.

Soweit das dem Laien (wie mir) bekannte Bild berühmter Maler, das wohl auf die Kunstwelt ebenso zutreffen mag wie die Annahme, jedes Genie sei schizophren, jeder Formel1-Fahrer im Straßenverkehr grundsätzlich zu schnell und jeder Fußballspieler stockdoof. Deshalb würde ich an dieser Stelle gerne darüber berichten, dass Ed Harris mit seinem Regiedebüt "Pollock" eben jenes, schon fast klischeehaftes Bild eines Malers auf den Kopf gestellt hat und uns mit einer erfrischend neuen Einsicht in die Kunstwelt zu begeistern vermag. Das geht aber nicht, denn Jackson Pollock, der von Ed Harris nach fast zehnjähriger Vorbereitung hier auf die Leinwand gebracht wurde, scheint leider jedes Vorurteil zu bestätigen. Er führte von 1912 bis 1956 ein zerzaustes, fast wildes Leben zwischen Malerei und Alkohol und fuhr sich im Rausch schließlich zu Tode. Das einzige, was ihn von obigen Charakteristika vielleicht unterscheidet, ist die Tatsache, dass er im Aufschwung eines bekannten Artikels im Life-Magazin kurzzeitig die Berühmtheit erlangte, die ihm aktuell zustand.

Soweit die Tatsachen, an die sich Ed Harris bei seiner Verfilmung auch penibel genau gehalten hat. Von Jackson Pollocks New Yorker Wohnung bis zu seinem Haus in Long Island inkl. des Lebensmittelladens, in den er einkaufen ging, lag Harris eine realitätsgetreue Biographie des Malers am Herzen. Sein Verlangen nach Authenzität ging sogar soweit, dass er und seine Filmfrau Marcia Gay Harden monatelang Malunterricht nahmen und unter diesem Aspekt ist "Pollock" durchaus gelungen. Nicht nur dank Harris eindringlicher Darstellung ist "Pollock" ein klasse Biographie, um den Künstler Jackson Pollock, seine Inspiration, seine Vorgehensweise, sein Entdecken der ihn letztlich zum Ruhm verhelfenden Maltechnik des Drip Painting, bei dem der farbübergossene Pinsel wenige Zentimeter über die Leinwand geschwungen wird, kongenial auf die Leinwand zu bringen.

Problematischer wird es, wenn es um Pollocks Persönlichkeit geht. Zwar zeigt Harris hier oft den Griff Pollocks zur Bierflasche und zum Whisky, versäumt es aber, seine Alkoholsucht in einen effektiven Kontext zu bringen. Gerade zu Beginn des Films springt er recht zusammenhanglos von Szene zu Szene, zeigt ihn plötzlich im Bett mit Kunsthexe Peggy Guggenheim sowie desöfteren nach einer durchzechten Nacht in der Gosse liegen. Dazwischen versucht er seine Zweckbeziehung zu Lee Krasner zu etablieren und auch wenn wohl eine der emotionslosesten Heiratungsanträge aller Zeiten folgt, bleibt es im Inneren von Jackson Pollock doch zu dunkel. Hinzu kommt eben auch noch die angesprochene Schemenhaftigkeit seiner Figur, der es nur durch Harris grandioses Charisma annähernd gelingt, Tiefe zu entfalten.

An guten Ideen mangelte es den Drehbuchautoren durchaus nicht, was sich besonders schön bei der Filmaufnahme zeigt, als Pollock überhaupt nicht versteht, bei "Cut" doch den Pinsel niederlegen zu können. Leider ist Harris aber vornehmlich ein guter Darsteller und nur ein durchschnittlicher Regisseur, weshalb der Film den wichtigen, emotionalen Kick vermissen lässt. Zunächst konnte man ob seiner teilweise etwas beliebigen, fast fraktalen Szenenfolge und Inszenierung einen besonders klugen Schachzug, nämlich die kongeniale Übertragung Jackson Pollocks Maltechnik auf die Technik des Films, vermuten, aber dazu ist die Deutlichkeit doch nicht ausreichend genug. Wirklich Schade.

Nichts desto trotz bleibt "Pollock" vor allem aufgrund seiner Darsteller sehenswert (selbst kleine Nebenrollen sind mit Val Kilmer und Jennifer Connelly prominent besetzt). Harris wurde bereits bei der Oscarverleihung 2001 als bester Hauptdarsteller nominiert, Marcia Gay Harden bekam den Oscar sogar als beste Nebendarstellerin. Erfreulich mit anzusehen, dass "Pollock" so zumindest etwas mehr Aufmerksamkeit zuteil wurde - er wird es beim Publikum mindestens so schwer haben wie Pollock zu seiner Zeit.

Bemühtes Porträt des selbstzerstörerischen Malers mit einem sehenswerten Ed Harris.


Thomas Schlömer