Frida

USA / Kanada, 123min
R:Julie Taymor
B:Hayden Herrera,Anna Thomas, Gregory Nava, Clancy Sigal
D:Salma Hayek,
Mia Maestro,
Amelia Zapata,
Alejandro Usigli,
Alfred Molina
L:IMDb
„Sex is like pissing. People take it much too seriously.”
Inhalt
Mexiko, Anfang des 20. Jahrhunderts: Die junge, lebenslustige Frida Kahlo (Salma Hayek) genießt ihr Teenagerdasein in vollen Zügen - bis ein tragischer Unfall das ungestüme Mädchen ans Bett fesselt. Getrieben von ihrem unerschütterlichen Lebensmut fängt Frida an zu malen - in ihren gefühlsgewaltigen Bildern gibt sie ihren Träumen, Sehnsüchten und den nicht enden wollenden Schmerzen Ausdruck. Wieder genesen, wird der berühmte Maler Diego Rivera (Alfred Molina) auf die bildschöne Mexikanerin aufmerksam - die beiden verlieben sich ineinander, heiraten und leben eine der aufregendsten, verrücktesten Liebesgeschichten des 20. Jahrhunderts. Das Gefühlschaos ihrer Ehe, die zahlreichen Liebschaften mit Männern und Frauen, das atemlose Leben im Kreis anderer Künstler, ihr leidenschaftlicher Kampf für den Kommunismus, die unbändige Lebenslust und nicht zuletzt die schillernden Farben Mexikos - all das schlägt sich in Frida Kahlos einmaligem kreativen Schaffen nieder und macht sie zu einer der ausdrucksstärksten Künstlerinnen aller Zeiten.
Kurzkommentar
Einen schönen, immer unterhaltsamen, dramaturgisch durchaus sehenswerten Film legt Broadway-Intendantin Julie Taymor ("The Lion King") mit "Frida" vor. Handwerklich nahezu makellos, zeigt sie sich aber mehr an den biografischen Eckpunkten der umstrittenen, mexikanischen Künstlerin interessiert als an ihrem Seelenleben. Das macht den Film nicht direkt schlecht, der Persönlichkeit Frida Kahlos wird es aber wohl nicht gerecht.
Kritik
Das Leben eines Künstlers oder einer Künstlerin filmisch umzusetzen, ist immer mit großen Schwierigkeiten verbunden. Einerseits verlangen oftmals umstrittene Künstlerpersönlichkeiten nach weitreichender Erzählung, andererseits besteht dadurch die Gefahr, wichtige Stationen eines Lebens zu schnell abzulaufen und für intime, dem Sujet gerechtwerdende Momente keine Zeit zu haben bzw. sie nicht in gebührender Form umsetzen zu können. So krankten schon "Lust for Life" und "Pollock" an der Tatsache, einerseits viel vom Leben Van Goghs resp. Jackson Pollocks erzählen zu wollen, andererseits dem (wichtigeren) interpretativen Einblick in das (Seelen-)Leben des Künstlers zu wenig Raum zu geben.

Im Falle der exzentrischen, schicksalsgebeutelten mexikanischen Künstlerin Frida Kahlo versucht sich nun Broadway-Regisseurin Julie Taymor (sehr schön visualisiert: "The Lion King") daran, Leben und Leiden einer bekannten Persönlichkeit auf Zelluloid zu bannen. Wie angesichts ihres bisherigen Schaffens zu erwarten war, gelingt ihr das auf handwerklicher Ebene gut bis hervorragend. Zusammen mit ihrem Lebensgefährten Elliot Goldenthal, einem der am meisten unterschätzten Filmkomponisten Hollywoods (immerhin bekam er für "Frida" endlich einen Golden Globe) und ihrem Director of Photography Rodrigo Pietro, erweckt sie die Welt Frida Kahlos zum Leben. Dabei mischt sie reale Szenen mit (Puppen-)animierten, schafft wunderbare Übergänge zwischen den Bildern Fridas und ihrer aktuellen Lebenssituation und begleitet so die Entstehungsgeschichte ihrer wichtigsten Arbeiten.

Dieser Ansatz bedient auf treffende Weise jene Ansprüche, die an einer möglichst akribischen Visualisierung von Fridas Biographie interessiert sind. Überschlägt man ihren Lebenslauf, so zeigt sich, dass Taymor keinen wichtigen Punkt in Fridas Werdegang ausgelassen hat: ihren Unfall zu Jugendzeiten, ihre Hassliebe zu Diego Rivera, ihre Verstrickung in die Untergrundaktivitäten Leo Trotzkis, ihre Bisexualität, ihre gesundheitlichen Leiden, ihr Gang nach Paris usw. Die Fülle an erwähnenswerten Details in Fridas Leben verpacken Taymor und ihr Heer an Drehbuch-Autoren (sogar Edward Norton war beteiligt) zu einer gelungen, selten gehetzt wirkenden Mischung. Auch sonst leistet sich das Drehbuch aus biografischer Sicht keine Fehler, würzt den Film mit teils neckischen Dialogen und glaubwürdigen Charakteren.

Das ist alles wunderbar anzusehen und nie langweilig, wird Fridas Charakter aber wohl nur bedingt gerecht. Denn während Taymor offenkundig zugibt, eher an der Beziehung Fridas zu ihrem Malerkollegen und Ehemann Diego Rivera (der mindestens genauso viel Leinwandzeit und vielleicht sogar die tieferen Einblicke in seine Arbeiten bekommt) sowie an ihren Schicksalsmomenten interessiert gewesen zu sein, so sehr wird der Zuschauer, der sich Einblick ins Seelenleben dieser widersprüchlichen Künstlerin versprochen hat, enttäuscht sein. Taymor zeigt zwar alle Stationen Fridas Lebens, vergisst auch nicht auf kunstvolle Art und Weise Fridas Realitätsempfinden in ihre künstlerischen Intentionen einzubinden (so etwa ihre Fehlgeburt oder "King Kong"), versäumt es aber, hinter die schöne Fassade Salma Hayeks zu blicken. Hier kongeniale Elemente zu finden, die das Enstehen von Fridas Arbeiten nicht nur darauf reduzieren, was sie sieht, sondern vor allem darauf, was sie fühlt, ist zweifellos kein einfaches Unterfangen. Dennoch begnügt sich Taymor damit, viele Bilder Fridas am Set so herzurichten, dass sie abfotografiert und anschließend ins gemalte Kunstwerk übergeblendet werden können. Was Frida bei ihrer Arbeit durch den Kopf ging, bleibt größtenteils verborgen.

Dennoch ist Taymor nicht untalentiert. Manche Passagen sind sogar so, wie man sie sich für größere Teile des Films gewünscht hätte (so z.B. die Szene mit den Skelettfiguren, die ihr Empfinden nach dem Unfall einfangen), aber Taymor war einfach an anderen Teilen ihrer Biographie interessiert, vor allem an ihrem Liebes- und Eheleben. Dieses wird wiederum wunderbar eingefangen, ist, wie gesagt, schön anzusehen, sauber ausgearbeitet, brav inszeniert und von Alfred Molina und Salma Hayek treffend verkörpert. Als Umsetzung der von starken Kontrasten geprägten Ehe zwischen Rivera und Kahlo ist der Film sicher gelungen, als Künstlerbiographie hält er Vergleichen mit etwa "Amadeus" nicht stand. Dazu fehlt ihm die richtige Fokussierung.

Interessantes, leider wenig tiefgreifendes Porträt eines ereignisreichen Lebens


Thomas Schlömer