Antwone Fisher

USA, 120min
R:Denzel Washington
B:Antwone Fisher
D:Denzel Washington,
Derek Luke,
Joy Bryant,
Salli Richardson
L:IMDb
„I understand you like to fight. - That's the only way some people learn.”
Inhalt
Für Seaman Antwone Fisher (Derek Luke) ist die U.S. Navy alles, was er hat. Seine Familie kennt er nicht, eine Karriere in der Navy war für ihn der einzige Ausweg aus einer perspektivlosen Jugend. Doch der schüchterne junge Mann fällt immer wieder durch aggressives Verhalten seinen Kameraden gegenüber auf. Weil Strafen nicht fruchten, wird er zu Sitzungen mit dem Armee-Psychologen Dr. Davenport (Denzel Washington) verpflichtet. Doch Antwone denkt gar nicht daran, sich diesem zu öffnen oder ihm die Gründe für sein aggressives Verhalten mitzuteilen. Eines Tages aber gelingt es Davenport, zu Fisher durchzudringen. Antwone erzählt von seiner Kindheit bei den Pflegeeltern. Von Prügeln, Misshandlungen, Angst, Demütigungen und Gehässigkeiten, die schlechter verheilen als jede Wunde.
Kurzkommentar
Auf zu unreflektierte, kritiklose und sentimentale Weise will uns Denzel Washington mit der Verfilmung der Lebensgeschichte Antwone Fishers berühren. Was er erreicht, ist lediglich oberflächlicher Natur, wenn der Protagonist mit scheinbarer Leichtigkeit die Erfüllung des amerikanischen Traums erreicht. Trotz charismatischer Darsteller und solidem Handwerk bleibt so nur kalkuliertes, durchschaubares Hollywood-Kino ohne Ecken und Kanten.
Kritik
"Das Leben schreibt die besten Geschichten" heißt es im Volksmund und ganz aus der Luft gegriffen ist die Weisheit nicht. Nicht selten erhält die Öffentlichkeit Einblick in das Schicksal bis dato unbekannter Persönlichkeiten, deren Geschichten dann so unfassbar scheinen, dass sie in fiktionalem Kontext nur Kopfschütteln verursachen würden: wären die Brüder Naudet, wie sie in ihrem Zeitdokument "9/11" belegen, nicht tatsächlich in einem Turm des World Trade Centers gewesen als der zweite neben ihnen zusammenbricht, man hätte nachträglich gestellte Aufnahmen als unglaubwürdig abgetan. Wären die drei Aborigini-Kinder des "Rabbit-Proof Fence" nicht nachgewiesene 1500 Meilen durch die australische Einöde gelaufen, jeder Produzent hätte die Story als "zu weit hergeholt" verurteilt.

Auch Antwone Fishers Geschichte klingt allzu märchenhaft: seine Mutter gebar ihn im Frauenknast als sein Vater von einer Liebhaberin ermordet wurde, er wuchs bei einer brutalen Pflegemutter auf, seine Halbschwester missbrauchte ihn schon als 6-jährigen. In der Navy hatte er mit Gewaltausbrüchen zu kämpfen und landete schließlich beim Psychiater, dann wendete sich alles zum Guten. Er bekam sich unter Kontrolle, fand eine Freundin und machte sich auf die Suche nach seiner Mutter. Er fand sie und sogleich seine Familie und alle Sorgen lösten sich in Nichts auf. Eine scheinbar "große", emotionale Geschichte und das wäre sie auch geblieben, hätte Denzel Washington sich nicht des Stoffes für sein Regiedebüt angenommen.

Denn Washingtons ungebrochenem Charisma, Derek Lukes ebenso tapferer Ausstrahlung, solidem Handwerk und durchaus berührendem Finale zum Trotz, versteht Washington wie so viele Regiekollegen nicht, dass eine direkte oder (in diesem Falle) gar zusätzlich dramatisierte Geschichte aus dem "wahren Leben" filmkonzeptuell nicht 1:1 umsetzbar ist. Gedanken- und kritiklos stimmen Washington und Fisher ein Loblieb auf den amerikanischen Traum an, etablieren Fisher als den Prototypen des vorbildlichen Amerikaners, zeigen seine Kraft mehr als seine Verletztlichkeit und lassen jedwede Dramaturgie allzu seicht verpuffen. Geradezu aseptisch schwelgt der Film in satten Bildern ohne dramaturgische Unterfütterung, präsentiert uns etwa einen saftigen Thanksgiving-Truthahn, traut sich in der entscheidenden Szene des sexuellen Missbrauchs aber nur ans Fenster des Geschehens. Der gute Antwone, so sympathisch er auch sein mag, ist dabei auch noch Multitalent des "kulturellen" Amerikas, ist künstlerisch begabt, gebildet, schreibt Gedichte, ist einfühlsam und hochmoralisch. Was er im Leben erreicht hat, sind die Ideale Amerikas, die er in einer der finalen Szenen auch noch seiner Mutter entgegenschmettert. Nicht, dass ihre Abgründigkeit echtes Mitleid verdient hätte, aber eine derartige Selbstdarstellung kommt über plumpes "Ätsch, ich habs doch im Leben geschafft" nicht hinaus. Und dann, am Ende der Odyssee, die selbstverständlich nicht nur den Schüler sondern auch den Meister geläutert hat, zeigt sich der echte Antwone Fisher auch noch hochachtungsvoll gegenüber seinem bis dato als lieblos geachteten Vater. Soviel Pathos ist einfach zu viel des guten.

Natürlich ist es kein leichtes Unterfangen, einerseits eine bewegende Geschichte voller Menschlichkeit erzählen zu wollen, andererseits dabei nicht in Sentimentalität zu verfallen. Wir wünschen uns alle die Liebe, die Antwone Fisher zu guter letzt erfahren darf, die Zukunft, die ihm scheinbar grenzenlos offensteht, einen Freund und Mentor wie es Dr. Davenport ist. Aber Washington feiert Fishers Leben allzu heroisch, allzu unkritisch als dass der Zuschauer wirklich den Eindruck bekommen könnte, hier bei einer echten Lebensgeschichte dabei gewesen zu sein. Und dann fragt man sich doch, was wohl den größeren Eindruck hinterlassen hätte: ein aalglattes Produkt wie das Denzel Washingtons oder eines, dass dem Zuschauer den Schmerz und das Leid Antwone Fishers in drastischeren Bildern nähergebracht hätte. Das Aufatmen über ein Happy-End wäre dann umso größer gewesen.

Allzu kalkulierte Selbstdarstellung, gedankenlos heroisierend


Thomas Schlömer