Brown Sugar

USA, 109min
R:Rick Famuyiwa
B:Michael Elliot
D:Taye Diggs,
Sanaa Lathan,
Mos Def
L:IMDb
„What´s the difference between Rap and Hip-Hop? It´s like the difference between saying you love somebody and being in love with somebody. Rap is just a word.”
Inhalt
Sidney (Sanaa Lathan) und Dre (Taye Diggs) wissen genau, wann ihre Freundschaft begann und der Grundstein für ihre Karrieren gelegt wurde: in einem ganz bestimmten Moment in ihrer Kindheit, als sie auf einem Spielplatz an einer New Yorker Straßenecke gemeinsam den Hip-Hop für sich entdeckten. Nun, 15 Jahre später, kreuzen sich ihre Wege erneut und sie wären eigentlich das perfekte Paar: Sidney kehrt als anerkannte Musik-redakteurin der „Los Angeles Times“ nach New York zurück und wird Herausgeberin eines Hip-Hop-Magazins, Dre ist ein erfolgreicher Plattenproduzent bei einem New Yorker Label. Nur ist Dre mit der attraktiven Reese (Nicole Ari Parker) verheiratet und Sidney mit Basketballstar Kelby (Boris Kodjoe) liiert.
Kurzkommentar
Es hätte eine ansteckende Liebeserklärung an die Musik werden können, aber „Brown Sugar“ nutzt die Hip-Hop-Kultur in Vergangenheit und Gegenwart nur als Vehikel für eine behelfsmäßig konstruierte Liebesgeschichte. Ein Nachdenken über Musik findet nicht statt, stattdessen serviert der relative Regieneuling Rick Famuyiva Musikphilosophie light und emotionales Gegurke. Die durchweg guten Darsteller sind allerdings entschuldigt.
Kritik
So geht es wohl jeder Subkultur, die einmal „cool“ individuell war, ein spezifisches, persönliches Lebensgefühl vermittelte und aus besonderen Bedingungen erwuchs: sind Trendcharakter und Massenkompatibilität erst entdeckt, geht es an den Ausverkauf der „Seele“. Das gilt, folgt man lamentierenden „Old School“-Gestalten, im Besonderen für eine gegenwärtige Standortbestimmung der Hip-Hop-Musik, deren ursprünglicher Geist, wo immer er liegen mag, in der MTV-Generation doch beträchtlich perverse Ausmaße annimmt: Waffen-, Sex- und Chromfelgengeprotze trichtern der ewig pubertären Konsumgeneration ein Welt- und Wertebild ein, in dem neben Großspurattitüde und Gangsterkult der Rest Ketzerei ist und „gedisst“ gehört. Früher hieß es Ehre, hier in schlechter Parodie „Respekt“.

Aber Kulturkritik riecht immer so reaktionär. Ein Film über das historisch aufgerollte Lebensgefühl von Hip-Hop hat zudem das Problem, das er zwangsweise die kommerziellen Qualitätsverlust anprangern, es sich aber gleichzeitig nicht mit den jungen Kinobesuchern verscherzen will, die oft emsige Konsumenten dieser modernen Massenform von Hip-Hop sind. Und so macht auch Regisseur Rick Famuyiwa das absehbare Zugeständnis an den Ausverkauf, indem er in „Brown Sugar“ dekortartige Musikphilosophie mit einer Romanze im Vordergrund mischt. Das funktioniert kaum überzeugend, weil beide Elemente sich mehr behindern als aufeinander aufzubauen. Zwar beginnt der Film mit einer seriös erscheinenden pseudodokumentarischen Sequenz, in der reale Hip-Hop-Größen zusammen mit den Off-Kommentaren der Hauptakteurin Sidney die Ursprünglichkeit jener Musik beschwören.

Ein reflektiertes Anknüpfen an diese Eröffnung in Form einer Kampfansage an das „fette“ Establishment fällt jedoch ebenso unter den Tisch wie eine „Biographie“ der Musik. „Brown Sugar“ ist als Romanze mit dramatischen und komödiantischen Einsprengseln auch viel zu banal, um das Phänomen Hip-Hop, des einzig „wirklichen“ Hip-Hop, wie der Grundton des Streifens immer wieder plakativ beschwört, den Außenstehenden in seiner existentiellen Bedeutung näher zu bringen. Aber vielleicht ist damit auch Falsches verlangt, denn das „Wesen“ des Hip-Hop ist wohl weniger zu verstehen als zu leben. So zieht sich „Brown Sugar“, der wohl schon aus Authentizitätsgründen fast ausschließlich mit schwarzen Darstellern besetzt ist, sofort auf eine ordinäre Liebesgeschichte zwischen einer Musikjournalistin und einem Plattenlabelagenten zurück. Sie teilen vor allem eines: natürlich die Liebe zum Sprechgesang.

Das sind die Prämissen, die Coolness und die Nostalgie. Die Musik verstünde einen in erster Linie und man selbst die Musik; eben das unerklärte Etwas, das Leidenschaft macht – „Brown Sugar“ spart nicht mit musikphilosophischem Zuckerguss. Die sinnigerweise musiklastige Inszenierung gefällt, ist letztlich aber auch nur Schmuck, da volle, „wahre“ Hip-Hop Stücke kaum ausgespielt werden und der Film auch auf diesem Level versagt. Die Kritik an der kommerziellen Ausblutung der Musikkultur beschränkt sich auf die platte Message, dass kleine Musiklabel ja doch cooler sind, dass Plattenbosse mit wenig Respekt zu behandeln sind, dass der wahre Rapper sicher keinen tiefer gelegten Benz, sondern Taxi fährt und womöglich noch unter der Brücke schläft, aber mit hehrem Idealismus eine Labelgründung hinlegt. Selbst daraus hätte man etwas machen können, aber Regisseur Famuyiwa widmet sich lieber seiner Romanze.

Diese ist ziemlich konstruiert deswegen, weil nie genau klar wird, wieso die beiden Freunde mit Hip-Hop im Blut sich nicht von Beginn an lieben lernten. Um überhaupt so etwas wie notwendige Katalysatoren, Wendepunkte und Entwicklung zu ermöglichen, installiert Drehbuchautor Michael Elliot kurzerhand zwei Vorwandscharaktere, die das vorhersehbare Finale, die pompöse Liebeseinsicht nur leidlich unterhaltend hinauszögern. Zudem sind die emotionalen Moment trotz der sehr guten Besetzung spannungsarm. Für einige notdürftig witzige Momente sorgen die „Hip-Hop Dalmatiens“, eine einfallslose, aber lockere parodistische Breitseite für alle Prahlgangster. Ein wirkliches Nachdenken über Musik oder ihre dramatische Nutzbarmachung findet jedoch nie statt. „Brown Sugar“ bleibt eine reizlose Romanze, die viel über Hip-Hop redet, aber wenig sagt.

Rhythmische, unerhebliche Romanze im Hip-Hop-Kontext


Flemming Schock