Hours, The - Von Ewigkeit zu Ewigkeit
(Hours, The)

USA, 114min
Filmspiegel-Auszeichnung
R:Stephen Daldry
B:Michael Cunningham,David Hare
D:Nicole Kidman,
Meryl Streep,
Julianne Moore,
Stephen Dillane
L:IMDb
„And in this day, a whole life”
Inhalt
Drei Frauen, drei Zeiten, drei Schicksale: Virginia Woolf (Nichole Kidman) hat in den 20er Jahren mit sich selbst und der Welt zu kämpfen. Sie verfasst den Roman "Mrs. Dalloway", der von einem einzigen Tag aus dem Leben einer Frau erzählt. In den 50er Jahren hat die mit sich und der Welt im Argen liegende Hausfrau Laura Brown (Julianne Moore) Woolfs Buch entdeckt. Im New York des Jahres 2001 soll der AIDS-kranke Schriftsteller Richard (Ed Harris), der von seiner bemühten Ex-Frau Clarissa (Meryl Streep) betreut wird, einen Literaturpreis erhalten. Sein und auch das Leben Clarissas haben Berührungspunkte ganz eigener Art mit Virginia Woolf.
Kurzkommentar
Nach “
Kritik
Der Autor ist tot, sagte Foucault. Das betrifft nun die Rolle des Autors beim Zustandekommen des literarischen Kunstwerkes und ist nicht materiell gemeint. Aber damit ist angedeutet, dass zur stereotypen Figur des Schreibenden immer eine Portion Pathos gehört. Der Literat, der Welt und Wertevorstellungen abbildet, ist eben ein Poet. Und das bedeutet, um mit der fiktiven Virginia Woolf des Films zu sprechen, dass er sterben muss. Ständig stirbt er, damit durch seine feierliche Selbstzerstörung alle anderen den Kontrast von Tod und möglichem Leben umso ergreifender auferstehen sehen. Das ist dann die ästhetische Sicht der Dinge, die Selbst- und Fremdinszenierung des Dichters. Enden kann diese Elegie mit dem schönen Tod, war doch das Leben nur voll von Reue und die Liebe auch kein Trost. Leben, Liebe Tod, damit ist die Dreifaltigkeit der schöngeistigen Literatur benannt.

Mit den Aggregatzuständen des Glücks ist Dichtung also noch nicht am Ende, das Kontrastprogramm der Schwermütigkeit ist vielmehr ebenso vielstimmig – und radikal. Autor und Dichtung sollten dabei nicht als zwei Seiten des gleichen Blattes aufgefasst werden, aber im Falle der Virginia Woolf ist das Teil des vermittelten, romantisierten Bildes andächtig düsterer Melancholie. So wird das Werk der bedeutenden Literatin der Moderne immer wieder auf der Folie ihrer tragischen Lebensgeschichte gelesen, die, geprägt von sexuellen Traumata und drückender viktorianischer Kindheit, ihr letztlich scheinbar keine andere Wahl ließ, als 1941 den Freitod zu wählen. Ihre Verzweifelung am Leben und das erschütternde Ende haben, so polemisch das klingen mag, etwas vom tragischen „Ideal“ des Dichters: bevor Talente, die anderen die Augen öffnen, überhaupt erst als solche erkannt werden, führen sie letale Außenseiterexistenzen, jenseits der langweiligen Normalität.

Hier ist man dann mit der benebelnden Übermacht der Gedanken und Gefühle allein und verarbeitete das, wie Woolf es in ihrer Innovation getan hat, im „Bewussteinsstrom“ der Protagonisten einer Erzählung. Die äußere Handlung weicht dabei ganz der Dominanz der Gefühlswelt. Diese Kunstform des Lebens kann dann furchtbar depressiv ausgehen und Michael Cunningham hat darüber, über drei symbolische Frauenschicksale und ihre Verknüpfung durch die fiktionalisierte Virginia Woolf einen Roman geschrieben. Dafür hat er sofort einen bedeutenden Preis gekriegt, den Pulitzer. In Ausnahmefällen ist literarischer Ruhm also auch ohne Existenzkrise möglich. Der Engländer Stephen Daldry, der erst eine handvoll Filme drehte und mit „Billy Elliot“ vor knappen zwei Jahren positive Reaktionen erntete, nahm sich dem Stoff an. Gewonnen hat er mit Nicole Kidman, Julianne Moore und Meryl Streep drei der wohl momentan größten Schauspielnamen Hollywoods.

Bei der Auffuhr dieses geballten Triumvirats kann man sich vorstellen, dass es womöglich eitle Egoismen über die Frage gab, wem den „die Woolf“ zufalle. Denn mit der überzeugenden Darbietung neurotischer Charaktere empfiehlt man sich als Schauspieler bekanntermaßen besonders gut. Dass Nicole Kidman die Rolle übernahm, brachte ihr auch gleich einen Golden Globe ein, ein deutlicher Richtungsgeber für die Chance auf einen Oscar. Den hat Meryl Streep schon eingestrichen und Julianne Moore mag sich für die Rolle der melancholischen, Woolf-lesenden Hausmutter Laure Brown in den 50er entschieden haben, weil Parallelitäten zu ihrer vorigen Paraderolle in „Dem Himmel so fern“ überdeutlich sind. Die Besetzung, ergänzt durch Ed Harris als vegetierender Literat im New York des 21. Jahrhunderts, macht damit Großes möglich, der Grundton des Filmes aber nur eines: düstere Schwermut ob der Ausweglosigkeit der Existenz.

Beispielhaft ist das, sozusagen die poetische Essenz des Lebens, mit Woolf, die sich hier von Joyce inspirieren ließ, an einem einzigen Tag im Leben eines Menschen abzulesen. Genau dies adaptiert Drehbuchautor David Hare wiederum von der Buchvorlage Cunninghams. Erzählt und verdichtet wird die Bedeutung eines einzigen Tages im Leben von Woolf in den 20er Jahren, ein Tag der Hausfrau in den 50ern sowie ein Tag der New Yorker Verlagslektorin Clarissa Vaughan (Streep) im New York des Jahres 2001. Vielfältig, indirekt und direkt sind die drei Erzählebenen und Einzelschicksale subtil und synchron miteinander verknüpft. Bevor sie entfalten werden und sich schließlich berühren, grundiert schon die eindrückliche, mit dem Selbstmord Woolfs beginnende Eröffnungssequenz den programmatischen Pessimismus des Filmes. Klar ist damit vor allem bereits eines: „The Hours“ ist ein düsterer Stimmungsfilm, der sich nicht für jeden Moment eignet.

Will man sich trotzdem auf dieses gehobene Leiden einlassen, tut auch die mit Streichern und schwermütig-anmutigen Klaviertönen komponierte Musik von Philip Glass sein Übriges. Ganz erwartungsgemäß, aber immer subtil wird der Lebensschmerz als Zentralthema gerade auch dadurch gepflegt ästhetisiert und ins Salbungsvolle gehoben, verwahrt sich dennoch gegen zu viel Pathos. Darin gibt sich Nicole Kidman in ihrer Rolleninterpretation redlich Mühe, die komplexe Psyche und Ausstrahlung Virginia Woolfs mittelbar zu machen. Bis es allerdings zu einer mitreißenden Szene der emotionalen Eruption kommt, zeichnet sich ihre Präsenz vor allem durch das tragen unscheinbar-ätherischer Kittel und stilettartige Blicke aus. Hinter ihnen lauert permanent tödlicher Zynismus. Die Vermittlungsebene liegt in der Figur Woolfs klugerweise weniger in Worten – sie würden die komplexe Weltwahrnehmung wohl ohnehin nur reduzieren.

Es sind vielmehr die symbolschwangere Gestik und Mimik, mit deren Hilfe Kidman vermag, das „Wesen“ der fiktionalisierten Woolf jenseits verbaler Grenzen spürbar zu machen. Hinter den Blick scheint damit etwas zu liegen, das uns natürlich alle betrifft und so etwas wie unausgesprochene poetische Wahrheit sein könnte; oder es ist bloß die zerstückelte Realitätsempfindung, in konsistente Sprache nicht mehr abbildbar. Damit mag das zwar wieder die Abbildung der klischeehaften Schriftstellertypologie sein, von der die Rede war, doch selbst wenn sie unsicher torkelndes Klischee sein sollte, macht Kidman, die hier Mut zur Schlichtheit zeigt, die erwartet gute Figur. Die Vielfalt der Wahrnehmung Woolfs überträgt sich somit auf die Wahrnehmung ihrer Person durch den Zuschauer. Julianne Moore, die sich als Laura Brown dem Roman „Mrs. Dalloway“ von Woolf wieder findet, verleiht ihrer Figur eine nicht weniger großartige Individualität und „Aura“.

In stiller, unausgesprochener Trauer und Seelenverwandtschaft mit Woolf will Laura Brown die vordergründige Vorstadtidylle quittieren und ist, so scheint es, erfüllt von der Sehnsucht nach dem, was man ursprünglich gewollt und sich unter dem Konzept „Glück“ vorgestellt hat. In New York, zur gleichen Zeit, nur ein halbes Jahrhundert später, lebt Clarissa, die sich für ihren Ex-Freund, den AIDS-kranken Literaten Richard (vorzüglich: Ed Harris), aufopfert, ihre eigene Rat- und Trostlosigkeit mit Festen übertüncht und damit mehr oder weniger unbewusst die „Mrs. Dalloway“ tatsächlich lebt. Sie fragt weniger egoistisch und verletzend nach den Konditionen des Glücks als danach, wie man Optimismus wahrt. An ihrer Seite hat man Ed Harris in den stilgerechten Bademantel geworfen, denn jeder schwule Schriftsteller hat schließlich ein Anrecht auf neurotische Selbstrepräsentation schon in der Kleidung.

Doch selbst wenn auch seine Figur in den Verdacht der Typisierung gerät, sind ihm einige magische Momente zugestanden. So z.B., wenn er darüber sinniert, was man als Schriftsteller versucht und wie man scheitert kann im Versuch, Momente zu dokumentieren, nur Augenblicke, Gefühle, ihr Herkommen und das einzufangen, was „wir“ einst waren. In seiner überdeutlichen körperlichen Hinfälligkeit und Dekadenz lag und liegt jedoch auch – ein weiterer Stereotyp – die Möglichkeit des Schaffens. Dass so ein Typ auf die dramaturgisch kaum originelle Abtrittsinszenierung hinarbeitet und keine Kraft zum Kampf um das Leben opfert, ist eingängig. Der Zweck des poetischen Lebens ist trotzdem erreicht, denn der Abtritt berührt. Da es sich bei den parallel laufenden drei Handlungssträngen nur um Stunden, hours, also schlaglichtartige Momentaufnahmen handelt, bleibt für oberflächliche Handlungsbewegung kaum Raum.

Aber darum soll es ja gar nicht gehen. Trotzdem das sich zum Schluss kohärent schließende dramaturgische Gerüst ausgefeilt und in der Gewichtung und Überblendung zwischen den Figurenebenen ohne Tadel ist, geht es Daldrys Film nach Cunninghams Buch wohl eher um höhere Weihen: um den poetisch konzentrierten Ausdruck der Frau und ihrer „modernen Kondition“ in einer zu tief verunsichernden Welt. Unglück artikuliert sich in ruhigen Aufnahmen, in tiefgründigen, weltabgewandten Blicken und auch, wie erwähnt, in der Formkomposition. „The Hours“ ist vielleicht weniger ein „tiefenanalytischer“ Blick in die Gedankenwelt der Virginia Woolf als eine im rechten Maß berührende Reflexion gewisser Befindlichkeiten, auf deren Erklärung wir weiterhin warten. Diese melancholische Symphonie über mentale Wrackwelten lehnt jeden gesunden Grund zur naiven Lebensbejahung ab. Daran ändert auch Clarissas Lächeln am Ende nichts.

Dennoch oder gerade wegen dieser Höchstform schönen und nachdenklichen Leidens, das eben auch Leidenschaft heißt, ist „The Hours“ als Metapher dessen, was Menschen in der Suche nach der Idee des Glücks verbindet und trennt, ein außergewöhnlicher Film. Den Gehalt könnte man im besten Sinne „dichterisch“ nennen. Das klingt letztlich nach Autorenkino mit Hang zur großen, selbstgefälligen Depression. Aber schon dadurch, dass „The Hours“ sich mit ausgewiesenen Hollywood-Größen schmückt, dürfte Stephen Daldrys bisher bester Film reger Zulauf beschieden sein. Es bleibt nur eine Bitte: möge der nächste Film des Theater-Intendanten wieder auf den Ausdruck Hoffnung abheben.

Schwermütig schöne Untergangsprosa mit bestechenden Darstellern


Flemming Schock