Chicago

USA, 113min
Filmspiegel-Auszeichnung
R:Rob Marshall
B:Maurine Dallas Watkins,Bill Condon
D:Catherine Zeta-Jones,
Richard Gere,
Renée Zellweger,
Queen Latifah,
John C. Reilly
L:IMDb
„This trial...the whole world...it's all...show business!”
Inhalt
Chicago in den zwanziger Jahren. Die glamouröse Tänzerin Velma Kelley (Catherine Zeta-Jones) ist Chicagos absoluter Mittelpunkt der Nachtclubszene - die Männer sind verrückt nach ihr und das unschuldige Starlet Roxie Hart (Renée Zellweger) träumt genau von diesem Erfolg. Da kommt es zu einem unerwarteten Skandal: Velma gerät wegen Doppelmordes in die Schlagzeilen und vor Gericht. Das Schicksal will es, dass kurz darauf Roxie ebenfalls zur Mörderin wird. Als Star und Starlet sich im Gefängnis treffen, wittert Roxie ihre Chance. Mit Hilfe der cleveren Gefängniswärterin "Mama" Morton (Queen Latifah) engagiert sie Velmas Rechtsanwalt, den gerissenen Strafverteidiger Billy Flynn (Richard Gere) und setzt auf die Macht der Presse. In einer Stadt, in der Mord eine Art von Unterhaltung ist, wird Roxie zu einem echten Star, aber in Chicago ist nur Platz für eine Legende.
Kurzkommentar
"Chicago" ist handwerklich sicher ein äußerst gelungenes Film-Musical geworden, sein Charakter bleibt unter filmischen Aspekten aber etwas blass. Zwar schneidet Regisseur Rob Marshall teilweise meisterhaft zwischen realen und imaginären Bühnen, der Rest der künstlerischen Leistung ist jedoch aufs konkrete Bühnenstück zurückzuführen. Mir persönlich waren Musik und Darsteller außerdem nicht griffig genug.
Kritik
Da Wolfgang die Vorzüge von "Chicago" schon zur Genüge offengelegt hat, seien an dieser Stelle etwaige Kritikpunkte seziert. Zum einen: worin besteht eigentlich die Leistung Rob Marshalls? Die Story ist da, die Musik ist da, die Choreographie kann größtenteils von der Bühne übernommen werden, die Schauplätze hat er auch für die Leinwand nicht ausgebaut. Kamerafahrten gibt es wenige, die einzige Szene, die außerhalb eines Gebäudes spielt ist die Ankunft Roxies vor dem Gefängnis und die dauert nur zwei Minuten. Natürlich bestand Marshalls größte Aufgabe darin, das Musical auf der Leinwand erfahrbar zu machen. Den Live-Flair, den eine echte Bühnenshow bietet, zu kompensieren und die leblose Leinwand mit Adrenalin zu füllen. Das gelingt ihm durchaus sehr gut, denn innerhalb der genannten Grenzen zieht er nahezu alle Register, die das Medium Film ihm ermöglicht.

Dennoch bleibt der Sinn einer (so direkten) Musical-Umsetzung offen. "Moulin Rouge", ein weniger klassisches Musical, das wesentlich wilder und poppiger, man mag sagen pubertärer ist als "Chicago", lebt von seiner grandiosen Bildsprache und der genialen Vermischung bekannter und neu geschriebener Pop-Songs. In der vielleicht nicht revolutionören, aber doch evolutionären Vereinigung von bekannten und neuen Elementen des Musical(kino)s lag Luhrmanns Leistung. Marshall hingegen hat "Chicago" schon in Los Angeles (mit-)inszeniert, seine Leistung bleibt also begrenzt, weniger visionär.

Hinzukommt, dass die Musik (für meinen Geschmack) zu ideenlos, zu zerfahren ist. Im Gedächtnis bleiben eigentlich nur der Auftritt Queen Latifahs (der zweifelos großartig war) und vielleicht Roxies "Both reached for the gun" - der Rest war, formuliert man es böse, austauschbar. Diese Kritik sei aber nicht falsch verstanden: "Chicago" macht vieles durch seinen wahrhaft meisterlichen Schnitt wett. Allein die Montage von Billy Flynns Puppenspieler-Stück, wenn Marshall zwischen einer imaginären Bühne und der realen Pressekonferenz im Takt wechselt, ist den Eintritt wert. Hier kann man Marshall für seine grandiose Inszenierung durchaus Respekt zollen, der Rest zeugt weniger von überdurchschnittlicher, sprich Oscar-würdiger Leistung.

Wie gesagt: der Kommentar war hauptsächlich auf Kritik ausgerichtet und Wolfgangs Lobeshymnen sind größtenteils berechtigt - deshalb auch die hohe Wertung. Dennoch scheint mir "Chicago" weniger adrenalinfördernd als beispielsweise "Moulin Rouge", scheint der Wert der Umsetzung geringer als bei vergleichbaren Projekten. Spaß machts auf jeden Fall, auch wenn mir persönlich der eher "erwachsene" Charakter von "Chicago" nicht so zugesagt hat.

Perfekt inszenierte, wenig eigenständige Musical-Umsetzung


Thomas Schlömer