Nicht auflegen!
(Phone Booth)

USA, 81min
Filmspiegel-Auszeichnung
R:Joel Schumacher
B:Larry Cohen
D:Colin Farrell,
Forest Whitaker,
Kiefer Sutherland,
Radha Mitchell,
Katie Holmes
L:IMDb
„I´m aiming at you right now”
Inhalt
Zufällig nimmt PR-Mann Stuart Shepherd (Colin Farrell) den Hörer in einer klingelnden Telefonzelle ab - eine fatale Entscheidung, denn von nun an ist er gewzungen, in der Telefonzelle zu verharren. Ein Scharfschütze bedroht Stuart, und er fordert ihn auf, öffentlich vor allen Fernsehkameras seine Sünden zu bekennen. Doch die Lage eskaliert.
Kurzkommentar
Joel Schumachers neuester Thriller ist in der Tat von exquisiter Spannung, bietet 70 Minuten packende Unterhaltung, sehr gute Darsteller und vortreffliches Handwerk. Wie er allerdings den Einsatz von Waffengewalt moralisch legitimiert und den Scharfschützen als neuen Erlöser feiert, ist zumindest diskussionswürdig.
Kritik
Man könnte Flemming oberflächlich problemlos zustimmen. "Phone Booth" ist klar und direkt inszeniert, er bietet in knappen 70 Minuten spannende Unterhaltung, hält sich nicht mit unnötigem Schnickschnack auf, hält die Einführung bis zur bedrohlichen Situation in der Telefonzelle angenehm kurz und verzichtet auf überflüssige Storyelemente wie etwaige Nebenhandlungen, die vom Hauptgeschehen nur ablenken würden. Dazu ist er handwerklich treffend gestaltet, bietet Splitscreen da, wo es inhaltlich vertretbar ist, gibt sich in Sachen Schnitt und Musik solide bis angemessen. Hinzu kommen tragfähige Darsteller, genügend Überraschungsmomente, ein sauberer Rhythmus - man kann "Phone Booth" seinen Unterhaltungswert schlecht absprechen.

Und doch kann (und darf) man es dem Film nicht so leicht machen. Dass das Leiden anderer Menschen in üblichen Entführungs-, Geisel-, Kriegs-, Sonstwie-Dramen dem Publikum als Unterhaltung verkauft wird, ist freilich weder neu noch (unmittelbar) verwerflich. Wenn in "24 Stunden Angst" Kevin Bacon als Entführer letzten Endes seine gerechte Strafe bekommt, ist das sowohl emotional als auch moralisch begründet; wenn in "Der Soldat James Ryan" unzählige Unschuldige dem Kugelhagel zum Opfer fallen, ist das legitim, weil die Schonungslosigkeit Abschreckungscharakter hat. Und selbst wenn Stu Shepard in "Phone Booth" zusammenbricht und seine Fehler eingesteht, kann das im besten Fall den Effekt haben, dass jeder Zuschauer seine eigenen "kleinen Sünden" Revue passieren lässt und sich fragt, ob er denn so verschieden von Shepard ist.

Wesentlich verlogener ist da schon die Pointe des Films, denn (die Intention des Scharfschützen hin oder her) Kiefer Sutherland spielt hier immer noch einen Mann, der in Selbstjustiz die Waffe zückt und nicht nur droht, sein Opfer zu töten, sondern das im Falle des Freiers auch in die Tat umgesetzt hat. Und wenn er der Polizei schließlich entwischt und in seinem pathetischen Kommentar aus dem Off auch noch bekundet, wie hochgradig wichtig seine Tat doch gewesen sei, dass Stu ihm auch nicht danken müsse, dass ihm eigentlich nie jemand dankt, und dass er, offensichtlich, seine Taten fortsetzen wird, fragt man sich doch, was man an moralischen Keulen hier noch draufsetzen kann. Denn "Phone Booth" etabliert hier nicht nur Wildwest-Selbstjustiz und amerikanisches Law&Order-Theater, sondern feiert den Sieg der moralischen Tötung und Bedrohung: der Scharfschütze als moderner Jesus Christus. "Nicht mit Wundern, sondern mit Waffen bringe ich Euch auf den rechten Weg".

Nun wird so mancher Leser aufschreien: mit Hollywood-Unterhaltung habe man es zu tun. "Phone Booth" vorzuwerfen, er mache aus Leiden Geld, müsse konsequenterweise darin resultieren, gar keine Thriller oder ähnlich-gelagerte Dramen mehr zu schauen. Gewiss ist Joel Schumachers Thriller nicht der erste, der sich hier aufs Glatteis bewegt, dafür aber vielleicht der dreisteste. Läuterung durch Waffengewalt wird hier kritiklos propagiert, ohne moralische Bedenken einem Millionenpublikum zugänglich gemacht, ohne Sinn und Verstand filmisch umgesetzt. Drehbuchschreiben wird reduziert auf Thrill und Spannung, moralische Gerechtigkeit bleibt außen vor.

Ob das der Aufregung zuviel ist oder nicht, müssen Sie selbst entscheiden. Aber vielleicht ist schon was erreicht, wenn man sich über die Position des Films einfach nur Gedanken macht.

Vorzügliches Spannungskino mit Moralkeule


Thomas Schlömer