Spider-Man

USA, 114min
Filmspiegel-Auszeichnung
R:Sam Raimi
B:Stan Lee,David Koepp
D:Tobey Maguire,
Willem Dafoe,
Kirsten Dunst,
James Franco
L:IMDb
„Power, beyond your wildest dreams”
Inhalt
Er ist ein ganz normaler Junge: Peter Parker (Tobey Maguire) lebt im New Yorker Stadtteil Queens und liebt Fotos. In der Schule ist er Außenseiter, seine Liebe gehört sein Kindertagen der Nachbarin Mary Jane Watson (Kirsten Dunst). Doch mit Spinnebiss ändert sich Peter radikal und nachdem sein Onkel ermordert wird, widmet er seine übermenschlichen Fähigkeiten dem Kampf gegen das Verbrechen. Noch ahnt er nicht, dass sein größter Gegner aus seinem direkten Umfeld kommen wird: der Großindustrielle Norman Osborn mutiert nach einem Experiment zum mit ebenfalls übernatürlichen Kräften ausgestatten grünen Kobold. Nur Spider-Man kann ihn aufhalten.
Kurzkommentar
Er klettert spät, aber hoch. In bemühter Umsetzung erobert der vierzigjährige Comicheld "Spider-Man" weltweit die Leinwand. Regisseur Sam Raimi trifft einen stilistisch edlen Ton und destilliert den Charakter der Vorlage. Der humorvolle Blockbuster hat Charme, unterhält mit nicht immer spektakulärer Action und perfekter Besetzung. Auch wenn kaum Spannung aufkommt, ist Tobey Maguire als verletzlicher Superheld äußerst einnehmend und das Ergebnis das bisher geglückte seiner Klasse: ein Comic mit Seele.
Kritik
Das Kinopublikum wird immer jünger und muss mit Entsprechenden gefüttert werden. Am besten mit Superhelden, der überdrehten Comicwelt entsprungen und Identifikation anbietend. Seit Jahrzehnten funktioniert und fasziniert das Marvel-Universum, etwas verspätet in diesen Jahren nun auch auf der Leinwand. Statt banalem Alltag bieten die bunten Fluchtwelten übersteigerter Comicphantasie das übermenschlich aufgerüstete, ewige Ringen zwischen Gut und Böse. Meist simpelster Strickart sind Handlungsmuster und Geschichte, kein Wunder, ist die Fast-Food-Kultur des gezeichneten Comics bildhaft und trotz Sprechblasen in variierender Größe kaum textuell.

Aber irgendwann "liest" sie wohl jeder Junge und aus einigen werden dann Regisseure, die sich schwärmend an jene Leidenschaft zurückerinnern. Und mögen sie auch erwachsen sein, was kann es Ehrwürdigeres geben, den Helden aus Kindertagen mit effektgeladenen Achterbahnfahrten Reverenz erweisen? Zudem wird einem endlich die Drehbuchausdünnung wenigstens einmal nicht übel genommen. So mag es für Bryan Singer gelten, der die "X- Men" überaus erfolgreich im vorletzten Jahr antreten ließ, Vergleichbares gilt für "Blade", einen weiteren Marvel-Helden aus dem Jahre 1973, der für New Line Cinema gegenwärtig zur kassensicheren Trilogie wird. Obwohl die Grenzen zwischen beiden Ausdrucksformen zunehmend vermischen, konnten sich bisher nur Comic- und nicht Umsetzungen von Computerspielen ein wirklich erfolgreiches Marktsegment sichern.

Dass "X-Men 2" als sicherer Blockbuster in Arbeit ist, überrascht also nicht, vielmehr schon, dass auch seriöse Regisseure plötzlich infantile Sympathierückfälle für die Marvel-Helden erleiden: Ang Lee, ehemals erklärter Autorenfilmer ("Das Hochzeits-Bankett"), verlieh einem Stück Kindheit schon in "Tiger & Dragon" Ausdruck und wiederbelebt nun das grüne Schizophreniemonster "Hulk" im kommenden Jahr für den Großangriff auf die Kinokasse. Und damit nicht genug, mit "Ghost Rider", verkörpert von Oscar- Preisträger und Erzschlafmütze Nicholas Cage, wird bald auch der nächste Marvel-Charakter fleischlich. Da ist es paradox, dass der Älteste und Populärste am längsten auf sich warten ließ: Spider-Man. Schon vor runden vierzig Jahren hatte der gutherzige Krabbler Comic-Premiere und soll nun rechtzeitig zum Jubiläum endlich auch das große Kino erobern. Blickt man auf das Kassenergebnis, ist dies auch mit überwältigendem Erfolg gelungen.

In aller Munde war der Plan schon vor Jahren und nachdem es zuerst hieß, James Cameron würde die Regie übernehmen, überschlugen sich die die titanischen Erwartungen. Cameron zieht jedoch weiterhin Unproduktivität vor und so fand sich Sam Raimi, ein merkwürdiger Regisseur, der vielen durch die ramschigen "Tanz der Teufel"-Kultfilme ein Begriff ist und vor über zehn Jahren in "Dark Man" Genretalent bewies. Zum veritablen Hit hat es trotz folgenden Drehbuchambition und guten Schauspieler bisher nicht gereicht. "The Gift", sein letzter Film, bestach allein durch Stimmung. Aber Immerhin ist Raimi, so die Legende, seit Jugendtagen erklärter Spider-Man-Jünger. Das mag als Zuschlag noch fragwürdig sein, die durch Raimi delegierte Besetzung der Rollen ist es nicht. Der Erfolg der Spider-Man Figur wird dadurch erklärt, dass der Held erst deswegen zur Identifikation taugt, indem sein Heldsein Verletzlichkeit und im Grunde sogar ein Stück Verlierertum bedeutet. Damit bleibt er der Junge von Nebenan.

Eben all das muss trotz schicker Spinnenmaske "werkgetreu" vermittelt werden und mit dem Einfall, ausgerechnet die Inkarnation aller Leinwandschüchternheit, Tobey Maguire, als liebenswerten Superhelden loskrabbeln zu lassen, erweist Raimi den besten Instinkt. Maguire empfahl sich bisher eher in kleinen, aber umso mehr beachteten Rollen in Ang Lees "Eissturm" und Hallströms "Gottes Werk und Teufels Beitrag". Es ist schon angenehm paradox, dass gerade jener blasse und bescheiden wirkende Darsteller zum Superheld und nach "Spider-Man" wohl auch zum Superstar mutieren wird. Als tragender Mittelpunkt des Streifens erweist er sich als ideal, denn von Beginn an skizziert Maguire den schematischen Charakter des intellektuellen Schulaußenseiters und dessen aufmerksame Schüchternheit unvergleichlich sympathisch. Hinter der für Maguire typischen, eindringlichen Verschlossenheit scheint stets mehr zu liegen, als ausgesprochen ist.

Gerade er, aber auch Raimis Zugang nimmt das Publikum von Beginn an für sich ein, getragen von Selbstironie, jeder Menge mildem Humor und einem Ensemble, das für eine Comicverfilmung im Grunde schlichtweg überqualifiziert ist. In schneller, vorspielartiger Szenenfolge werden die anderen Handlungsträger weitgehend "werkgetreu" eingeführt und spätestens als der geschätzte Willem Dafoe im grün benebelten Selbstexperiment zum schizophrenen Green Goblin mutiert, ist klar, in welche Richtung der Anspruch hier deutet. Statt wie in der Vorlage durch eine Explosion mutiert Peter Parker durch einen Spinnenbiss, wobei der Verwandlungsvorgang interessanterweise als Metapher auf die Pubertät des Superhelden als auch des Mannes angelegt ist. Als Parker über Nacht gewachsene Muskeln, übermenschliche Reflexe, Kräfte und seine Netzdrüsen zu bewältigen sucht, nimmt spaßige Effektsshow auch schon ihren Anfang.

Und da Comicumsetzungen immer auch für den letzten Schrei des technisch Möglichen stehen, sind die computergenerierten Stürze und Schwünge durch die New Yorker Häuserschluchten erwartungsgemäß spektakulär. Andererseits sind sie oft kaum zu genießen, da die Geschwindigkeit des Schnitts relativ hoch ist. Damit mag sich Raimi zwar richtigerweise an genretypische Videogames- und Comicästhetik anlehnen, wirklich mitreißen kann der einzelne Effekt dennoch nicht immer. Minimal verleidet wird die Atmosphäre zudem von der wirklich grundalbernen Figur des Green Goblin. Willem Dafoe mag schon in der übel plakativen Schizophrenieausführung schmerzlich unterfordert sein. Muss er aber erst das billige Plastikkostüm überstreifen und höhnisch lachend terrorisierend durch die Luft düsen, wird die kletternde Eleganz des guten Helden manchmal unfreiwillig komisch kontrastiert.

Doch das ist Natur des Genres und letztlich wichtig ist nur, dass der rasante Effektbombast zusammen mit Danny Elfmans Musik bei Laune hält und Peter Parker auch als Superheld noch nahbar und menschlich bleibt. In der verschüchterten Liebe zwischen Parker und seiner Angebeteten ringt Autor David Koepp ("Panic Room") seinem phantasielosen Script auch eine wirklich gelungene Komponente ab, sehr gelungen ist in jedem Fall der Kuss im Regen. Und da ihre Zuneigung zwischen Verantwortung und Erfüllung bleibt, ist die Handlung bereits zu offensichlich für eine Fortsetzung konzipert. "Spider- Man 2" war denn auch schon beschlossen, bevor der erste Teil an der Kasse alle Startrekorde brach. Mag dies auch insgesamt zu berechnend sein, es hat seine Berechtigung. Sony und Raimi haben mit "Spider-Man" nicht nur weiteren Kassengmagneten und beliebigen Superhelden auf die Leinwand gebracht, sondern ohne Zweifel die bisher beste Comicverfilmung geschaffen.

Beispielhaft abgestimmte Comicumsetzung mit Detailmängeln


Flemming Schock
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"Spider-Man" dürfte die Massen dank des charismatischen Helden und der gewitzten, durchaus selbstironischen, ersten Stunde sicher begeistern, aber wer nur einen Tick mehr vom rot-blauen Superhelden erwartet, wird enttäuscht sein. Die Dramaturgie ist (wie sicher zu erwarten) 08/15, aber dass der Streifen nach seinem frischen Beginn derart schemenhaf...