Minority Report

USA, 145min
R:Steven Spielberg
B:Philip K. Dick,Scott Frank, Jon Cohen
D:Tom Cruise,
Colin Farrell,
Max von Sydow,
Samantha Morton
L:IMDb
„If you dig out the past, all you get is... dirty.”
Inhalt
Im Washington, D.C., des Jahres 2054 gibt es keine Morde mehr. Die Zukunft ist bekannt und Mörder werden gefasst, bevor sie ihr Verbrechen begehen können. Dafür sorgt Pre-Crime, eine Elite-Einheit der Polizei, die die Visionen der Pre-Cogs, drei Wesen mit hellseherischen Fähigkeiten, auswertet und zur Tat schreitet. Das System ist perfekt. Und John Anderton (Tom Cruise) ist sein perfekter Chef: Seit einem tragischen Verlust sechs Jahre zuvor widmet er sein Leben mit vollkommener Leidenschaft der Verbrecherjagd. Es gibt keinen Grund für ihn, am System zu zweifeln – bis er in einer Vision selbst als Mörder zu sehen ist. 36 Stunden bleiben ihm bis zu dem Verbrechen. 36 Stunden, um zu beweisen, dass er unschuldig ist … und das perfekte System fehlbar. Die Flucht kann beginnen.
Kurzkommentar
Schwappten aus den USA schon Meldungen wie "der beste Spielberg seit Indiana Jones" zu uns herüber, so ist man angesichts des leider nur guten Resultats bei "Minority Report" doch recht enttäuscht. Trotz intelligenter Vorlage, handwerklich makelloser Umsetzung und überdurchschnittlicher Story, kann "Minority Report" nicht ganz überzeugen. Er ist weder reiner Film-Noir, noch reiner Actionfilm, im Ansatz durchaus clever, in der Ausführung doch manchmal zu platt und aufgrund schwach ausgearbeiteter Charaktere nur zu einfacher Abendunterhaltung tauglich. Drin war aber durchaus mehr.
Kritik
Es ist wie immer die Erwartungshaltung, die bei einem Film über die eigene Zufriedenheit entscheidet. Im Falle von "Minority Report" war eben diese nicht gering: 93% positive Kritiken bei www.rottentomatoes.com, ein paar fesche Trailer, Storyvorlage von Philip K. Dick und nicht zuletzt: Regisseur Steven Spielberg. Da kann man durchaus Überdurchschnittliches erwarten. Und Überdurchschnittliches bekommt man schließlich auch. Nur leider keinen Deut mehr.

Aber beginnen wir von vorne: Spielberg und Konsorten legten "Minority Report" als Film-Noir an. Als einen jener verzwickten Kriminalgeschichten um Mord und Verrat, eingepackt in düsteren Bildern, einer depressiven Atmosphäre, getragen von zwielichtigen Figuren. Diese Voraussetzungen haben die Drehbuchautoren durchaus etablieren können, was sie (bei aller vorhandenen Güte des Drehbuchs) jedoch vergessen haben, ist Charaktertiefe. Denn dies ist zweifellos das größte Problem des Films. Wie von Spielberg gewohnt können wir uns bei "Minority Report" an handwerklicher Perfektion erfreuen, an berauschenden Bildern, sauberer Spannung, toller Musik und ja, auch guter Story, aber was fehlt ist das entscheidende Mitgefühl der Zuschauer zu wecken.

John Anderton hat seinen Sohn verloren, er nimmt Drogen, schaut sich alte Videoaufzeichnungen aus besseren Zeiten an und das soll zur Zeichnung seiner Figur wohl ausreichen. Abgesehen davon, dass diese Elemente zur Charakterisierung reichlich abgedroschen sind, liegt es vor allem an der Besetzung mit Tom Cruise, dass der Funke nicht zum Zuschauer überspringt. Mal ehrlich: er hat ja nie wirklich schlecht gespielt, aber seine Mimik, seine Körpersprache, sein Charisma ist mittlerweile doch derart ausgelutscht, dass man es nicht mehr sehen kann. Und seine darstellerischen Fähigkeiten reichen nun mal nicht aus, diese "Mängel" zu überdecken und dem Zuschauer seine innere Zerrissenheit, seine Verzweiflung, ganz einfach seine Gefühle plausibel zu machen. Man möchte fast behaupten, dass "Minority Report" noch ein gutes Stück besser geworden wäre, hätten die Geldgeber auf das "Traumduo" Spielberg/Cruise verzichtet. Das (durchaus gute) Einspielergebnis von knapp 129 Mio.$ wäre angesichts der sonstigen Qualitäten des Films auch locker mit einem anderen Hauptdarsteller zu Stande gekommen.

Aber auch sonst nagt ein entscheidender Faktor an der Qualität des "Minority Report": er scheint aus derart vielen Science-Fiction Versatzstücken zusammengesetzt, dass es ihm furchtbar schwer fällt, wirklich eigene Qualitäten zu entwickeln. Da wäre das Kernthema der Zeitthematik, das wohl noch am frischesten von allen wirkt. Die "PreCogs" sehen zerstückelte Kurzvisionen der Zukunft ohne konkreten zeitlichen oder räumlichen Zusammenhang. Das ist soweit recht interessant und (vor allem aufgrund des Storyverlaufs) recht clever gemacht. Auch die Visualisierung dieser Traumfetzen und Bearbeitung mittels Gestenerkennung und Bodytracking ist visionär gelöst, aber der pseudo-intellektuelle, philosophische Minidiskurs, der folgt, ist mehr als überflüssig. Da fragt man sich, wieso in aller Kritikerwelt an "Minority Report" der kubriksche Touch gelobt wird, er werfe essenzielle Fragen nach der eigenen Verantwortung auf. Sicher spricht der Film die Frage an, ob man einer Tat schon schuldig ist sobald man den Entschluss gefasst hat oder erst, wenn man sie tatsächlich begangen hat. Aber bitte: dies kommt vielleicht in ein, zwei Szenen zur Sprache. Den Hauptschwerpunkt hat Spielberg auf die Kriminalgeschichte und nicht zuletzt die Action gelegt. Die dramaturgische Ausrichtung eines Kubrick vollzieht er freilich nicht.

Desweiteren stören die üblichen Hollywood-Puzzleteile: der freakige Augendoktor, der zerzauste, nicht minder durchgedrehte "Ziehvater" der PreCogs, die Standard-Zukunftsspielereien vom dämlichen Sick-Stick bis zur vollendeten Individualisierung von Werbung und das allwissende, im Grün sitzende Orakel, das wir ziemlich genau in dieser Form zuletzt in "Matrix" geniessen durften. Verstehen Sie mich nicht falsch: es kommt nicht darauf an, dass hier Elemente gewählt wurden, die man hier und da in anderen Filmen entdecken kann (das passiert ja dauernd), kritisiert wird, dass der komplette Ansatz des Films der eines Standard-Science-Fiction Streifen ist, der (wohl dank Spielbergs Regie) seine Kriminalgeschichte nicht unverblümt erzählt, sondern auf Teufel komm raus die üblichen Zukunftsspielereien unterbringen möchte.

Hinzu kommen dann noch sentimentale und erzählerische Unnötigkeiten wie die Schwangerschaft Laras, das Happy-End der PreCogs sowie das beinahe beleidigend breitgetretene Ende, bei dem Spielberg seinen Zuschauern noch nicht mal ein Mindestmaß an Kombinationsgabe zutraut. Das entwertet den Film soweit, dass all die guten Elemente stärker verschleiert werden als nötig und deshalb so ein schlechtes Licht auf "Minority Report" fällt. Denn sehen wir es einmal so: wo Spielberg nun aus den großen, sentimentalen Fehlern seiner letzten Zukunftsvision "A.I." gelernt hat, verheddert er sich nun in seinem Blockbuster-Anspruch. Er will dem anspruchsvollen Zuschauer einerseits klugen Film-Noir bieten und philosophische Denkanstösse liefern, den Durchschnittsbesuchern andererseits großartige Action bieten und mit den üblichen Zukunftsspielereien und satten Effekten überzeugen. Während sich z.B. Stanley Kubrick, Ridley Scott oder Terry Gilliam für ersteres entschieden haben und z.B. die Wachowski-Brüder für die zweite Variante, so hängt Spielberg zwischen den Stühlen. Und das ist angesichts des Potenzials und so manchem durchaus vorhandenen, großartigen Moment mehr als Schade.

Guter Krimi, aber fader Science-Fiction Ansatz und schwache Charaktere


Thomas Schlömer